Der Ertrunkene und die Verbrannte 2


Öfter schon ging es ja in meinen Beiträgen, vor allem in denjenigen, die erzählerischer angehaucht waren, um den Ertrunkenen. Meistens handelt es sich dabei um eine beiläufige Erwähnung oder ein Fragment, das ihn gar nicht explizit erwähnt. In meiner Fasten-Erzählung aus Holzhau vom Mai 2016 (die immer noch nicht zu Ende ausformuliert ist, Schande über mein Haupt) habe ich ihn und seine Geschichte und wie diese mit mir verknüpft zu sein scheint, das erste Mal erklärender erwähnt. Aber auch hier, denke ich, wird einiges nicht so klar, wie es das für mich ist.
Wenn man all die Fragmente aus persönlichen Erkenntnissen (wie z.B. hier und hier) und Prosa (Wie in den Texten „Auf dem Meeresgrund“ und „Ich kann dich hier unten singen hören“) zusammensetzt, dann kann man vielleicht ahnen, worauf das ganze hinauslaufen will, doch möchte ich dem Thema hier einmal einen eigenen Raum geben.

Gründe gibt es dafür einige.
Im Mai 2016 habe ich (unerwarteterweise) einen neuen Zugang zu dem Thema bekommen; ich habe ein Despacho (Eine bestimmte Form von Heilritual) für ihn gemacht (was ich noch genauer beschreiben werde) und habe das Gefühl, dass die dabei ausgelöste Transformation jetzt an einem neuen Punkt angekommen ist. Neben dem Frieden, den das Despacho brachte, wühlte es die Geschichte aber auch auf, und in den letzten Wochen verging kaum ein Tag, an dem es mich nicht überkam und etwas in mir darum bat, seine Geschichte (und auch die aller um ihn herum) endlich weiterzuerzählen… Überhaupt: Anfangen sie zu erzählen. Fragmente verbinden.

Erst 2013 beim Fasten erreichten mich zum ersten Mal konkrete Bilder dazu und ich schrieb darüber:

Die eine [Vision] schenkte mir zum ersten Mal klare Bilder der Hintergründe dieser von mir als Teil eines Vorleben interpretierten Geschichte. Ich beschloss alles aufzuschreiben und eines Tages, wenn alle Fragmente zusammengesammelt waren, eine eigene Geschichte dazu zu schreiben, die Geschichte des Ertrunkenen.

Seitdem entstanden Fragmente hier und Fragmente dort und das ist auch ok für mich, da ich gern auf den Zeitpunkt warte, zu dem Geschichten ihre Zeit haben erzählt zu werden. Das ist nun mal der Weg der Transformation: es ist ein Prozess.
Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass ich sie schon viel manifestierter hätte sein können, dass sie auch gut und gerne mal unprosaisch und weniger als Fragment skizziert werden könnte, um zumindest zu wissen, worauf alles hinauslaufen wird, auch ohne sie zu zerstören.
Das möchte ich hier kurz machen, vielleicht werden so auch die (teilweise noch folgenden) Fastentagebuch-Einträge von Mai 2016 klarer:

Der Ertrunkene lebte vor etwa zweihundert bis dreihundert Jahren. Er war dunkel, böse, ein Mörder, das, was man als Ripper bezeichnen könnte. Er lauerte den Frauen in der Nacht in den Gassen auf und vergewaltigte und tötete sie. Er sah das als Fluch, als etwas, was ihm von außen gegeben wurde und was er nicht besiegen konnte. Ich weiß nicht, wie er so wurde, was geschah, als er zum ersten Mal tötete. Seine Gefühle, seine Intentionen und all das Drumherum – das sind die Dinge, die nach und nach zu mir kommen oder nur noch als Fragment in mir existieren und die ich mit Prosa auszudrücken versuche.
Der Ertrunkene lebte für das Gefühl der Schuld und er sehnte sich mit jeder Tat danach endlich bestraft zu werden.
Eines nachts hatte er ein Mädchen ausgewählt, dessen Blick er sich nicht erwehren konnte, als er ihr den Mund zuhielt. Er konnte ihr nichts tun und er wusste nicht warum.
Hier fehlt einiges in der Geschichte. Das Mädchen stellte eine Art Gegenpol zu ihm dar, schaffte es in ihm den Wunsch nach echter Sühne auszulösen. Ich weiß (noch) nicht wie genau es dazu kam, doch sie verbrannte und auch wenn er ihr Leben einst verschont hatte, so war er aus irgendeinem Grund auch hier schuldig.
Ich weiß nicht, ob er sich daraufhin stellte oder wie es sonst dazu kam: doch er wurde geschnappt und verurteilt. Er landete auf einem Strafgefangenenschiff, einer Galeere, in der er mit zusammengeketteten Händen und Füßen zusammen mit einigen anderen Schwerverbrechern wohin auch immer verschifft werden sollte.
Das Schiff geriet in einen Sturm und ging unter. Er und all die anderen ertranken in den Fluten, von den schweren Ketten in den Schlamm gezogen.
Das Trauma, das entstand, als der Ertrunkene am Meeresgrund von der Welt und nicht von denen, die er so sehr verletzt hatte, den Menschen selbst, gerichtet wurde, gab seiner Seele nicht die Genugtuung, die er sich so lange gewünscht hatte. Etwas blieb haften.

Und so funktionieren, zumindest in meinem Weltbild, Vorleben. Wir übernehmen nicht die Seele eines vorherigen Individuums. Ich bin nicht der Ertrunkene. Aber etwas von ihm lebt in mir. Materie und Energie – sie vergehen nicht, sie transformieren sich nur. Wir alle bestehen aus den Atomen und Elektronen, Quanten und Strukturen, die wir gar nicht verstehen, die seit jeher existieren. Wir entstehen nicht aus dem Nichts.

Der Ertrunkene gab mir einen Teil seiner Schuld mit auf den Weg, seine Dunkelheit und Aspekte seiner Themen. Fragmente. Die sich in meinem Leben als etwas Neues und auch so viel Gleichartiges manifestierten.

Ein Thema war immer das Wasser und in ihm zu ertrinken. Ungreifbar übte es immer schon eine Anziehung auf mich aus. Ich liebte schon als Kind die Vorstellung zu tauchen – und nicht mehr auftauchen zu können, mit dem Ertrinken bestraft zu werden, für eine Schuld, die ich gar nicht verstand. Etwas in mir wollte etwas richtigstellen, endlich sühnen. Das Dunkle, das Tiefe, das Bedrohliche am Wasser zog mich an.
In den ersten Jahren meines Lebens hatte ich starken Keuchhusten und meine Mutter versuchte dem mit einer alternativen Behandlungsform beizukommen: Meinen Kopf in kaltes Wasser zu tauchen, bis meine Luft knapp wurde. Ohne es zu wissen wiederholte sie immer wieder etwas, was sich ein Fragment meiner selbst sehnlichst wünschte.
Als sie, Jahre später, wusste, dass sie bald sterben würde, fasste sie den Plan, mich hier nicht alleine lassen zu können und wollte uns beide gemeinsam ertränken. Ich erfuhr das erst 25 Jahre später.
All das – und das dürfte dem aufmerksamen Lesen nicht entgangen sein – manifestiert sich in meinen Texten, in denen es sehr oft um Wasser und das Ertrinken geht. Ich weiß, dass die meisten Menschen das nicht verstehen, das als Störung oder zumindest als merkwürdig empfinden. Es geht dabei darum diese Strömung zu kanalisieren, ihre Aspekte zu betrachten, aber ja, es hat auch etwas Zwanghaftes, was jeder Künstler kennen wird. Ich würde mir wünschen, die Menschen würden kanalisierte Kunst weniger befremdlich betrachten und nicht hinter allem eine lebenzerstörende Neurose zu erkennen glauben.
Das Wasser, das Ertrinken, der Ertrunkene mit seinem Hass, seinem dunklen Herzen, seinem Fluch und seiner Schuld, sind nun mal Teil von mir, er ist der Dark Passenger, von dem ich so lange schon spreche und der so lange kein echtes Gesicht hatte.

Die Verbrannte zeigte sich dagegen immer wieder als Gegenpol meiner selbst, nicht das Licht, jedoch als etwas, was das Wasser ausgleichen wollte. Sie erschien mir bereits vor den ersten konkreten Bildern des Ertrunkenen, 2012, als Statue in der Wüste, der ich schließlich einen Stein brachte, indem ich die Reise in die Wüste antrat.
Sie zeigte sich immer wieder, in einer speziellen Energie in den Frauen in meinem Leben und diese Energie hatte immer den folgenden Aspekt anhaften: Der Ertrunkene verschonte die Verbrannte nicht nur, er wollte sie retten, aus den Flammen.
Sie ist sein Schicksal. Seine Heilung. Aber auch sein Untergang.

Zurzeit muss ich sehr viel an die Geschichte denken, sehr viele Details blitzen immer wieder auf, aber auch eine künstlerische Neuinterpretation der Ereignisse bahnt sich gerade ihren Weg, weswegen ich dies hier auch überhaupt erst schreibe: Ich habe das Gefühl, dass sich durch das Despacho für den Ertrunkenen nicht nur die Ausprägung seiner Geschichte auf mich und in mir geändert hat, sondern dass die ganze Geschichte neue Aspekte bekommt.

Dieser Text ist also auch als kleine Einleitung für eine Videoreihe zu verstehen, die ich gerade anfertige, und die die Themen des Ertrinkens und des Verbrennens und deren Wege vom Erwachen zum Abblenden in den Fokus stellen wollen. Die Videoreihe ist nicht die Geschichte des Ertrunkenen und der Verbrannten, so wie sie „wirklich“ passiert ist, aber das werde ich dann noch einmal genauer erklären.

Diese „wirkliche“ Geschichte wird es hoffentlich auch eines Tages geben, ungeschönt und nicht nur als Fragment, aber ich hoffe trotzdem, ich konnte mit der Kurzzusammenfassung für das, was ich dazu immer wieder erwähne, ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen.



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2 Kommentare auf "Der Ertrunkene und die Verbrannte"

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Ani
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Da gibst du dem geneigten Leser ja mal wieder ne menge Stoff zum verarbeiten. Man kommt nicht umhin, Trauer, Überraschung und mitgefühl zu empfinden. Auch wenn das nicht die Intention sein soll…

Alex
Gast

Ich hatte eigentlich gehofft, dass es nicht zu viel zu verarbeiten gibt dabei, sondern einfach nur ein bisschen Klarheit und Struktur in das ganze Thema bringt :)