Erde zu Erde 2


Nachdem nun ja das ’seminarhafte‘ arbeiten mit Mesa und Steinen mittlerweile schon zwei Jahre zurückliegt, hat sich auch meine persönliche „energetische Arbeit“ sehr verändert…

Hin und wieder werde ich gefragt, was ich eigentlich damit meine, wenn ich von der „Arbeit mit Steinen“ oder ähnliches spreche; es ist mir jedesmal schwierig Erklärungen zu finden, weil ich keine Ritual-Anleitungen runterleiern will – wie ich es hier vor Jahren schon gemacht habe. Ich glaube nicht – mehr – daran, dass es irgendeine „richtige“ Art von Ritualistik gibt… dass man etwas falsch macht, wenn man vergisst den Jaguar vor dem Feuer anzurufen oder ein bestimmtes Opfer nicht zu bringen.

Als ich einmal auf einem Workshop war, dem auch zwei Q’ero-Schamanen beiwohnten und etwas über die Anordnung der Steine in der Mesa und Despachos erzählten fragte jemand der Zuhörer:

„Wieso müssen es unbedingt 12 Cocasamen sein, die in das Herz dieses Despachos gehören?“
Don Sebastian antwortete:
„Es müssen 12 sein. Das haben mir die Geister der Berge gesagt.“

(Frei übersetzt aus dem Quechua)

Ich glaube, dass es egal ist, ob es 12 Cocasamen, 17 Apfelkerne, 23 Zitronenkerne oder etwas vollkommen anderes ist – solange es in das Ritual passt, es mit der Intuition vereinbar ist und vor allem: es in den Lebensweg des Zaubernden passt.

Ich kann also nicht erklären, was genau jemand mit einem Stein, einer Schraube, einer Blüte, einem Anhänger oder was immer die Welt ihm zur Betrachtung und Arbeit schenkt, zu tun hat. Ich denke, das Wichtigste ist zu verstehen, dass alles was man bekommt eine Bedeutung hat und einem etwas mitteilen möchte.
Schon wenn ich sage „Mach ein Sandpainting“ und dann die Prozedur des Sandpaintings erkläre, habe ich das Gefühl dem Hilfesuchenden etwas vorwegzunehmen…

Aber ich möchte die Frage, die mir oft gestellt wird, hier einfach mal mit einer persönlichen Arbeit mit drei Steinen beantworten; es ist keine Anleitung zu irgendetwas, nur ein Einblick in die Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man ohne Ritual-Plan und bestimmtes Vorhaben einfach intuitiv einer inneren Stimme folgt.

Die Geschichte ist relativ unspektakulär und dass die Erzählung so prosaisch klingt, liegt daran, dass es eine genaue Abschrift der Mitschrift ist; für mich ist das Schreiben während einer Reise/Meditation/Energiearbeit auch ein Aspekt der Realitätsproduktion. Einiges habe ich natürlich weggelassen – ganz persönliche Gedanken und Erkenntnisse, aber sie tun für die Skizzierung der ‚Arbeitsweise‘ nichts zur Sache.

Ich hatte nicht im Ansatz vor, an diesem Tag irgendetwas zu machen und ich habe auch keinen Plan gehabt, welche drei Steine ich mitnehmen sollte. Ich habe nicht drüber nachgedacht, wo ich genau hinfahre und wo ich mich niederlasse und wohin ich reise, ich habe einfach nicht drüber nachgedacht und mich leiten lassen…

Irgendetwas hat mich hergerufen und nun sitze ich hier.

An der Isar. Auf einem großen Stein mitten im Wasser. Neben dem alten Baumstumpf, an dem ich vor drei Jahren nachts im Regen eine der intensivsten Reisen erlebt habe. Doch seitdem war ich nicht mehr hier.
Der Stumpf sieht vollkommen anders aus. Und ist zu einer Insel geworden. Das Wasser steht sehr hoch heute. Vor mir rauschen Stromschnellen und es regnet leicht, nieselt.

Ich liebe das Wasser und ich vergiese eine Träne dafür. Es ist so schön…
Und ich höre eine Stimme sagen:
„Du bist hier sicher, du wirst nicht ertrinken, du kannst nicht ertrinken.“

Ich habe meine Mesa nicht dabei, aber drei Steine:

Der erste Stein ist ein großer runder Stein, dem ein Stück fehlt. Ich habe ihn vor ca. zwei Jahren auch hier in der Nähe geholt.
Er sagt zu mir:
„Ich bin das, was du geschafft hast, ich bin das, was zurück will, was transformiert wurde, das, was zurück ins Wasser will, Wasser zu Wasser. Was mich komplettiert, das musst du alleine, ohne mich, finden.“

Ich nehme ihn in die Hand, schließe die Augen, lausche dem Rauschen des Wassers und dem Plätschern der ans Ufer schlagenden Mini-Wellen, und reise:

Dort, wo ich den Stein ins Wasser werfe, entsteht ein Strudel, kurz, eine meterhohe Welle, kurz, zwei Welten prallen aufeinander, zwei Dimensionen überlagern sich, dann wird das Wasser ruhig und klar. Ich sehe genauer hin und etwas schimmert am Grund, hat einen Krater geschlagen, aber ich kann es nicht erkennen – es ist zu hell, zu gleißend, ich sehe nur ein Symbol aus Licht: wie ein Y, nur geschwungener und mit einem Linksdrall.

Ein Rabe landet ein paar Meter von mir entfernt und holt mich mit einem Schrei zurück.

Der zweite Stein ist etwas kleiner, ziemlich unspektakulär, eigentlich nicht schön, langweilig. Ich habe ihn vor 2-3 Wochen auf der Straße aufgesammelt: ich lief an ihm vorbei und dachte schon, ich sollte ihn nehmen, aber… tat es nicht. Als ich einige Stunden später zufällig noch mal an der gleichen Stelle vorbeikam und er immer noch da lag, nahm ich ihn mit.

Er ist ein Panzer, ein Panzer um ein Herz. Mein Herz? Auch er muss ins Wasser, doch im Gegensatz zum ersten Stein hat er Angst, Angst vor dem Wasser, Angst zerstört zu werden, Angst davonzuschwimmen. Ich reise mit ihm:

Ich laufe über eine Wiese, hohes, vertrocknetes Gras, verdorrte Bäume hier und da, eine weite, leere Ebene unter einer riesigen, roten, sengenden Sonne, alles flirrt und alles brennt.
Vor der Sonne: eine Statue aus rotem Stein, zerbröckelt, zerfurcht, von einer Frau mit Umhang, traurig, einsam. Sie streckt den Arm aus und hält die Handfläche nach oben, als erwarte sie ein Geschenk, oder etwas, was sie vor Äonen verloren hat.
Sie will den Stein.
Ich lege ihn in ihre Hand und sofort schließt sie sich, sie möchte ihn nie wieder hergeben.
Ranken schießen aus dem Boden und umschlingen die Statue. Dann ziehen sie sie in die Erde und das alles geschieht ohne großen Lärm und ohne den Hauch von Zwang oder Unwollen. Die Statue ist weg, der Stein auch, nur die trockene Ebene bleibt zurück.

„Erde zu Erde“

Vielleicht habe ich mich getäuscht.
Ich muss ihn wohl doch eher vergraben.

Der Rabe fliegt weg.

Der dritte Stein ist klein und dunkel mit einem weißen Muster. Er hat eine flache Seite mit einem stillstehenden Muster und eine runde Seite mit einem Kreismuster. Er ist wirklich schön.
Er ist der Wechsel zwischen „Drehen“ und „Stillstehen“, zwischen „Kontrolle“ und „Sich fallenlassen“.
Er möchte bei mir bleiben und mich das Loslassen und das Sich-Drehen lehren und ich fühle, dass das richtig ist…

Es ist soweit den ersten Stein ins Wasser zu werfen;
Die Stromschnellen verschlucken ihn.

Intuitiv nehme ich Stein Nr.2 und höre die Stimme:
„Brich auf!“
und Bilder einer vollkommen anderen Situation überfluten mich plötzlich, ohne dass ich reisen wollte:

Eine Frau steht in Flammen, gefesselt, sie sieht aus wie die Statue aus rotem Stein. Sie ist traurig, aber sie hat keine Schmerzen.

Ich schlage den Stein auf den großen Stein, auf dem ich sitze, er wird weiß und kreidig. Dann zeichne ich das Symbol von vorhin auf den Boden und sofort, ohne nachzudenken, werfe ich auch den zweiten Stein ins Wasser.

Erst einige Sekunden später dämmert es mir: Habe ich einen Fehler gemacht? Sollte ich ihn nicht vergraben? Wollte ihn nicht die Statue haben?

„Erde zu Erde“?

Der Rabe ist wieder da, schleicht nur zwei Meter hinter mir im seichten Wasser herum.

Ich habe Angst alles falsch gemacht zu haben und schlucke. Ich meine das Wasser aufgeregter zu hören, die Wellen klatschen lauter ans Ufer, der Himmel ist noch dunkler und der Regen fällt nasser als vorher…

Doch dann ist alles wie zuvor, ich spüre plötzlich, dass es kein Fehler war, dass mich irgendetwas beschwichtigt, mir sagt, dass es etwas damit zu tun hatte aus dem Impuls heraus etwas anders zu machen, als es geplant war… und dass das gut war… und es jetzt weitergeht.

Ich lege meine Hand auf das eben gezeichnete Symbol und schließe die Augen. Um mich herum sehe ich Farben und rechts von mir schimmert etwas rot-golden.
Ich stehe auf, öffne die Augen kurz um mich zu orientieren und schließe sie dann wieder. Dann laufe ich blind ein paar Schritte ans Ufer und sehe trotz geschlossener Augen ganz deutlich ein Glitzern. Ich fokussiere es, öffne die Augen und greife ins – sehr sehr kalte! – Isarwasser um eine Sekunde später einen wunderschönen dunkelroten Stein heraus zu ziehen. Genau das gleiche Rot wie die Statue. Auf seiner Rückseite hat er einen goldenen Streifen.

Ich muss lachen. DAS ist der Stein der Statue – der andere war es nie -, der auf einer goldenen, verdorrten Wiese unter einer roten Sonne in staubigem Sandboden vergraben werden soll.

Neben mir landet der Rabe. Stumm.

Alles ist friedlich.

Aber alles ist dunkel.

Auch hier gilt: eine wahre Morphogeschichte ist es nicht und eine gewisse Dramatisierung passiert bei mir beim Schreiben. Trotzdem meine ich es vollkommen ernst und nicht symbolisch, wenn ich erzähle, dass ich etwas sehe, obwohl meine Augen geschlossen sind. Das passiert selten, sehr, sehr selten sogar und ist schwer mit dem ’normalen Sehen‘ zu vergleichen und kaum zu erklären…

Grundsätzlich gilt: was kursiv geschrieben steht passiert auf einer anderen Ebene, alles andere ‚wirklich‘.

Abschließend möchte ich euch noch den Stein zeigen, den ich aus dem Wasser gezogen habe (Vorder- und Rückseite):

Erdstein


Erde zu Erde
Der Ruf der Wüste
Die Reise in die Wüste – Teil 1
Die Reise in die Wüste – Teil 2 (In Arbeit)
Im Zentrum der Wüste (In Arbeit)
Endzeitimpressionen – Fotogallerie


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