Zersplittert | Kurzgeschichte 1


Ich höre dich nur leise flüstern. Als wärst du weit entfernt. Auf dem Mond, hinter seinem Licht versteckt. Hinter dem Sonnensystem. Lichtjahre entfernt, vielleicht auf der Wega. Deine Stimme wird verschluckt, wie im Vakuum des Alls. Oder wie auf dem Meeresgrund. Ein weiteres Mal auf dem Meeresgrund.
Ich weiß, du stehst hinter mir. Aber glaub mir: ich kann dich nicht hören. Bin ich taub? Schlafe ich? Bin ich gar nicht wirklich hier?
Alles ist dunkel hier. Sternenlos. Wie in einem Kerker. Die dunkle Wand aus grobem Stein, die sich nur einige Zentimeter von mir entfernt erhebt, wird von Schattenspielen beleuchtet. Es scheint, als würde irgendwo hinter mir eine Kerze flackern, die Ideen auf die Mauer projiziert. Doch ich kann es nicht wissen. Mein Blick ist starr auf die Wand gerichtet, ich starre sie an und versuche Worte zu erkennen. Doch ich sehe nur… Schuld. Immer und immer wieder sehe ich die Zeigefinger, die auf mich deuten, mich anklagen, mich bewerten, mich töten wollen. Ich kann mich nicht verstecken und doch versuche ich es, ich weiß nicht genau zum wievielten Male, indem ich mein Gesicht in meinen Händen vergrabe.
Ich will all die Ideen und Geschichten über Schuld und Falschsein nicht mehr sehen.
Warum bin ich hier? Wer redet hinter mir? Warum kann ich ihn nicht fragen, indem ich mich einfach umdrehe?

Als ich aufblicke, sehe ich ein Fragment einer Erinnerung im Schattenspiel der Kerze:
Ich sitze auf dem Schoß eines Mannes. O Gott, was bin ich klein. Wie ein kleines Tier, eine Käferlarve, eine kleine Raupe, eine Kaulquappe, noch nicht einmal ein Babyfrosch. Alles andere als vollständig.
Der Mann redet auf mich ein, immer und immer wieder, doch ich verstehe seine Worte nicht, es ist nur Kauderwelsch, nichts hängt zusammen, nichts hat eine Bedeutung. Mein Blick geht ins Leere, genau wie jetzt, doch da ist keine Wand, da ist nichts.
Da war mal Liebe. Und Wärme. Und Geborgenheit. Ein Platz, an dem ich sein konnte. Dann nichts mehr. Nur noch schwarze, alles verschlingende Leere.
Der Mann macht mir Angst. Seine Stimme klingt wie die eines Monsters, kratzig, rauchig, wie das Fauchen eines Jaguars, wie das Kreischen eines Adlers, wie das Zischen einer Schlange.
Er sagt, irgendwo tief unter seinem Gebrüll, dass die Liebe tot ist. Für immer fort. Dass ich keinen Platz mehr habe. Nur noch ein Geist bin. Dass ich in Zukunft nur noch vor einer Wand stehen dürfe, nur noch Schattenspiele sehen dürfe, mich nie wieder umdrehen dürfe. Sonst würde ich die Welt als das erkenne, was sie ab jetzt sein würde: eine dunkle, triste, leere Hölle.
Und ich starre. Und starre. Und starre. Und starre. Und starre immer weiter. In die Leere.
Die Erinnerung verblasst.

Ich habe ihm geglaubt, mich vor die Wand gestellt und den Ideen und Geschichten der unbekannten Lichtquelle gelauscht. Immer wenn die Schuld kam, dann kauerte ich mich in meine eigenen Arme und weinte. Bis die Geschichten wieder freundlicher wurden. Ich glaube, sie wollten mich hervorlocken, aus meinem Leid, mich quälen. Es gab keine Erlösung.
Warum ließen sie mich nicht in Ruhe? Sterben. Ich warte auf Erlösung.
Manchmal waren es nicht nur Finger, die auf mich deuteten. Symbole, die mich peinigen wollten. Geschichten, die mich in den Wahnsinn treiben wollten. Manchmal, da hörte ich ein Flüstern, hinter mir. So wie jetzt wieder. So weit fort. Dein Lied, das am Grunde des Ozeans zu uns allen drang, um uns zu sagen, dass wir unschuldig waren, nicht bestraft werden müssen für die Sünden unserer Väter, uns nicht laben müssen, an den Todesängsten der Menschen, sondern sie alle lieben können, wie uns selbst.
Und alle drehten sich um und schwammen an die Oberfläche. Um deine Liebe zu fühlen, deine Absolution zu erhalten. Ganz zu werden. Ihren Platz zu finden.
Doch ich nicht.
Ich bin ein Splitter im Herzen der Welt. Ein Fremdkörper in der allumfassenden Schwingung der Ewigkeit. Ein Stück dunkler Materie im Licht der Liebe. Zersplittertes Licht in der Finsternis.
Ich habe es verdient zu leiden. Immer und immer wieder.
Wenn du mit mir reden möchtest, dann musst du nicht lauter reden. Es macht keinen Unterschied, ich werde dich niemals hören. Wenn du mit mir reden möchtest, dann musst du dich neben mich stellen und mit deinen Händen Schatten an die Wand werfen.
Dann kannst du mir Geschichten erzählen. Aus fernen Welten, von Licht und Liebe, doch ob ich sie verstehen werde? Woher soll ich das wissen? Mein ganzes Leben habe ich doch auf diese Wand gestarrt. Nur Dunkelheit gesehen. Nur Schuld gefühlt. Immer nur ein Babyfrosch, der in die Weite starrt. Gedankenvernebelt.

Wieder eine Erinnerung:
„Er hat alles kaputt gemacht. Seine Wut ist unkontrollierbar. Er passt hier nicht hinein. Wir haben uns getäuscht, es tut uns leid.“
Mit gesenktem Kopf stehe ich am Straßenrand. Immer noch so klein. Starre zu Boden, als könnte ich dort die Geheimnisse der Welt ergründen, endlich meinen Platz finden, wohlwissen, dass das unmöglich ist.
Drei Gestalten stehen neben mir, nur Schemen, reden miteinander, erörtern etwas, erwähnen einen Splitter. Den Fremdkörper. Mich.
Ich fühle nichts. Etwas in mir glaubt: ich werde nie wieder etwas fühlen. Außer Schuld.
Auch diese Erinnerung verblasst.

Und ich höre wieder das Flüstern, schüttle resigniert den Kopf. Ich kann mich nicht umdrehen, warum kannst du das nicht verstehen?
Ein Lichtblitz, neben mir. Ein neues Symbol, welches ich noch nie gesehen habe, tanzt auf der Schattenwand: „Warum eigentlich nicht?“
Warum eigentlich nicht. Warum eigentlich nicht. Warum nicht. Warum.
„Weil ich nur ein Splitter bin. Dort, wo ich nicht hingehöre. Nicht derjenige, der ich zu sein habe. Nicht vollständig bin. Nicht wertvoll. Nur ein Fremdkörper. Niemals gut genug.“
Eine Reihe Symbole erscheint. Eines davon scheint ein stilisierter Frosch zu sein. Ich höre sein Quaken und verstehe, was er mir sagen will: dass ich der einzige bin, der entscheidet, in welche Richtung ich blicke. Aber bin ich auch der einzige, der entscheidet, was ich fühle?
Leere. Stille. Starrer Blick in die Dunkelheit. Eine große, schwarze Wolke aus Nichts, die mich einhüllt. Nichts denken. Nichts wissen. Nichts fühlen. Nichts sein. Niemals sein.
Das Flüstern hat mich angehört, ist auf mich zugekommen und kommuniziert mit mir auf meiner dunklen Schattenmauer, so wie ich es wollte. Ist das die… Hoffnung, von der all die anderen Splitter immer sprechen, wenn sie am Meeresgrund auf den Gesang warten? Hoffnung. Worauf? Endlich erlöst zu werden?

Wieder erinnere ich mich an etwas, was vergraben gewesen war, was das Flüstern hinter mir an die Oberfläche zu holen scheint:
Ich sitze an einem Tisch, verkehrtherum, starre an die Wand und drehe den Menschen, die ebenfalls an dem Tisch sitzen, den Rücken zu. Zwei Frauen sitzen da und schauen in meine Richtung. Doch ich will sie nicht sehen. Kann sie nicht sehen. Kann nicht mit ihnen sprechen, wenn ich ihnen in die Augen sehen muss. Es tut zu sehr weh, denn es erinnert mich zu sehr an Liebe.
„Er gehört zu uns. Wir möchten, dass er bei uns bleibt.“
Ich bin nur ein Babyfrosch, nicht fertig. Nicht, was ich sein soll. Ihr wollt keinen Babyfrosch, denke ich und starre weiter an die Wand.
Die Erinnerung verblasst.

Ich hatte das vergessen. Hatte ich das vergessen?
Vielleicht bin ich längst dort, wo ich sein soll? Vielleicht war ich nie ein Fremdkörper, sondern alles war immer richtig so. All der Schmerz, all das Leid, all die Qual. Immer echt und immer mein Sein, nie der Splitter.

Ich erinnere mich ein weiteres Mal:
Ich liege auf dem Rücken, um mich herum ist es dunkel, über mir nur der Sternenhimmel. Ein roter Vollmond glimmt schwach inmitten seiner Finsternis, verdeckt vom Schatten der Erde. Alles ist still, das Zirpen der Grillen taucht die Szene in eine magische Ruhe.
Neben mir liegt jemand, atmet, sanft, gleichmäßig.
Um uns herum blitzt der Himmel. Gewaltiges Wetterleuchten entlädt sich in allen Richtungen, scheint dem Schauspiel des Mondes huldigen zu wollen, den Himmel zersplittern zu wollen.
Hier gehöre ich her. Bin Teil des Mondes, Teil der Erde, Teil der Sonne, Teil der Blitze, Teil der Grillen, Teil der Dunkelheit und Teil des Lichts. Hier, neben dir.
Von der Wega, 25 Lichtjahre entfernt, sind wir extra auf diesen Planeten gereist, um unseren Platz finden, so fühlt es sich an.

Die Erinnerung vergeht in Sternenlicht und die nächste entsteht nahtlos daran, in Regenbogenfarben:
Ich liege auf dem Rücken in einem lichtdurchfluteten Raum. Mein Blick hängt an einem Kristall fest, der vor einem Fenster hängt, die Sonnenstrahlen in Regenbogenfarben spaltet. Draußen tobt ein Sturm, von dem man hier drinnen nichts mitbekommt, bis auf das Schaukeln der Bäume vor dem Fenster. Das Sonnenlicht flackert durch die sich aufgeregt bewegenden Blätter des Baumes, wodurch es so scheint, als würde sich der Kristall drehen. Die Regenbogen-Lichteffekte flitzen durch den Raum.
Neben mir liegt jemand, atmet, sanft, gleichmäßig.
Ich fühle mich falsch, abgelehnt, weggestoßen, vom Regenbogenkristall, von diesem Splitter aus Licht und Liebe, ohne Grund, sehe mich wieder an der Straße stehen und auf den Boden starren. Eine Erinnerung in einer Erinnerung. Und ich weine. Hier und dort, damals und heute.

Die Erinnerung verblasst.
An meiner Wand entstehen helle Symbole, sehr viele, mehr als dort jemals geschrieben standen, kurz sieht es so aus, als würde die Wand lachen.
Ich kann fühlen, wie mir jemand eine Hand auf die Schulter legt und plötzlich durchfährt mich eine tiefe Erkenntnis: Hier zu stehen und die Ideen und Geschichten der Welt zu lesen: das ist mein Platz und ich liebe ihn. Ich bin ein Katalysator. Ich bin ein Splitter der Welt aus Dunkelheit und das ist gut so. Aber ich bin auch ein Splitter der Welt aus Licht. Kein Fremdkörper, aber gesplittert, vielleicht sogar zersplittert. Ich bin nicht nur ein Katalysator; ich verändere mich.
Ich drehe mich um, endlich, und kann dich hier unten singen hören, endlich. Nicht nur das, ich kann dich sehen. Ich muss nicht an die Oberfläche schwimmen, ich bin bereits dort, stehe dir gegenüber. Einem Schatten aus Licht, Liebe und Musik blicke ich in die Augen, dunkle Augen, die nicht starren, sondern direkt in meine Seele blicken, hinter das Herz des Babyfrosches schauen und sehen können, was aus ihm geworden ist. Ein Riesenmakifrosch vielleicht.
Und ich selbst verstehe, dass ich nichts tun muss, um ganz zu werden, weil ich es schon bin.
Der Schatten nimmt meine Hand und legt etwas in sie hinein: einen Splitter aus Stein, ein Splitter der Erde selbst, eine Seite dunkel, eine Seite hell. Liebe und Üppigkeit.

Wieder eine Erinnerung.
Wieder liege ich und starre auf den Regenbogenkristall am Fenster. Ich bin dieser Splitter, ein Katalysator für das Licht. Und der Splitter liegt nun in meiner Hand. Ich selbst liege in meiner Hand.
Die Gestalt, die neben mir liegt, nimmt meine Hand. Die sanfte Berührung bringt mich zum Weinen. Und Tränen strömen mir über das Gesicht, als ich den Schatten singen höre.
„Der Splitter soll dich daran erinnern. Immer wenn du dich unsicher fühlst oder Zweifel hast. Du bist geliebt. Genauso wie du bist. Und du musst nichts dafür tun. Du bist immer genug.“
Endlich kann auch ich dich hier unten singen hören, nach Jahrhunderten kann ich dich hier unten endlich singen hören. Mehr noch: endlich kann ich dein Lied auch verstehen und meinen Platz in ihm erkennen.
Heil werdend, zersplittert bleibend.

Mit mir und/oder dem Morphoblog verknüpfte Profile in verschiedenen sozialen Netzwerken:

1
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
1 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
1 Comment authors
Angelo C. Silenzio Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Angelo C. Silenzio
Gast
Angelo C. Silenzio

Ein überwältigendes Stück Prosa, das den roten Faden, der sich durch die Geschichten “Katalysator” und “Ich kann dich hier unten singen hören” spannt, stringent fortührt. Die Vergebung leuchtet wie ein Stern über allem, erst schwach, dann immer stärker und stärker, bis der Ertrunkene endlich nicht anders kann, als sie zu erkennen und anzunehmen. Danke für diese tolle Geschichte!

commit
Bestätigung der Datenspeicherung (Angegebener Name, E-Mail-Adresse, IP-Adresse, Kommentartext) (Vorgabe der DSGVO)