Warten auf Erlösung | Kurzgeschichte


Eine einzelne Kerze stand in der Mitte des kleinen Raumes, versuchte Schatten von Gegenständen an die Wände zu werfen, doch scheiterte. Der Raum war komplett leergeräumt und wenn man genau hinhörte, konnte man das Echo der flackernden Flamme hören, wie es von den kahlen Wänden widerhallte. Manchmal, mit genügend Fantasie, klang es wie eine zischende Stimme in einer fremden Sprache.
Es war bereits Nacht und der wolkenlose, sternenklare Himmel, den man durch die großen, frisch geputzten Fenster sehen konnte, zeichnete einen wunderschönen Kontrast zum einsamen Feuer im Raum.
Endlich war die Wohnung leer, bereit endgültig geräumt zu werden. Vor einigen Monaten schon hatte er angefangen all seine Habseligkeiten zu verkaufen, Dinge wegzuwerfen, die niemand haben wollten oder die nur von längst vergangen Zeiten erzählten, die man sich in sentimentalen Momenten zwar zurückwünschte, doch die man eigentlich voller Überzeugung hinter sich lassen wollte.
All die Dinge waren mit der Zeit wertlos geworden. All die Technik, all die Kleidung, all die Möbel, all der Luxus. All der Ballast. Sie waren kalt und gefühllos geworden, hatten immer mehr aufgehört zu sein, was sie ursprünglich gewesen waren: Illusionen. Versprechungen einer vermeintlich besseren Welt, in der er glücklich und nicht einsam sein konnte.
Einige Sachen hatte er behalten und sie in einer einzelnen, kleinen Kiste verstaut, die nun in der Ecke stand. Dort, wo das Kerzenlicht nicht hinreichte, so sehr es sich auch bemühte. Sie enthielt all die Dinge, die sich eine gewisse Wärme bewahren konnten. Alte Geschichten hauptsächlich, die vielleicht erklären würden, was in dieser Nacht wirklich geschah.
Er saß auf dem alten, frisch gewischten Parkettboden, während er in die Flamme der Kerze starrte, und merkte langsam immer deutlicher, wie seine Arme und Beine taub wurden. Es schien, als würde seine Seele mit dem immer stärker werdenden Sternenlicht hinfortgezogen werden, wie schon so oft, in andere Welten, doch diesmal vielleicht ohne Wiederkehr.
Warum hatte nur jeder solche Angst vor dem Tod? Und warum verurteilte man ihn so sehr? Man würde sich anmaßen, ihn aufzuhalten, würde er sein Vorhaben ankündigen, würde ihn richten, würde ihn zu retten versuchen. Doch wer gab den Menschen eigentlich das Recht dazu? Niemand hatte das Recht über das Sterben eines anderen Wesens zu richten.
Die Übelkeit war mittlerweile sehr stark und sein Blick wurde langsam trüb. Über die glänzenden Sterne legte sich ein purpur-türkiser Schleier. Das Delirium oder Polarlichter. Es war einerlei, denn es war wunderschön.
Jeder Mensch hatte eine andere Aufgabe im Leben, doch es war viel zu weit verbreitet, dass jeder nach den Aufgaben des Anderen geiferte, niemals glücklich werden könnte, mit dem eigenen Schicksal. Das hatte ihn ermüdet, so sehr, dass er sich mittlerweile sicher war, dass dies seine Lebensaufgabe war: zu sterben.
Was könnte ein purerer und reinerer Teil der ursprünglichsten Lebensenergie sein, als zu sterben? Und das auch noch selbst zu entscheiden? Oh, welche Schönheit und Anmut im Suizid doch lagen.
Er musste lachen, soweit er das noch konnte; man konnte sich auch alles schönreden, romantisch verklären und rechtfertigen. Und doch war es eine tiefe Wahrheit, das fühlte er in diesem Moment deutlicher als je zuvor.
Die Übersäuerung des Blutes schritt mit jeder Minute voran und sein Verstand setzte immer wieder, für Sekunden nur, aus. Das Gift wirkte gut. Er wechselte zwischen den Bewusstseinszuständen Leben und Sterben, immer wieder, bis sich eine gewisse Wechsel-Frequenz einstellte und er ein völlig neues Sein erreichte.
Ein Seinszustand, in dem eine Stimme, hinter dem immer heller werdenden Schleier vielleicht Rette mich gerufen hätte, wenn sie denn gewusst hätte, ob sie überhaupt jemand hören könnte.
So blieb sie stumm. Bis kurz vor den Moment, in dem das Leben erlosch.
Die Kerze war mittlerweile ausgebrannt und über das letzte Licht der Sterne legte sich langsam das Morgenrot des neuen Tages. Vor dem übriggebliebenen Wachsklumpen lag der tote, nackte und kalte Körper, der mit jeder neuen Minute mehr vom Rot der Dämmerung eingefärbt wurde.
Als gäbe es noch Hoffnung.

(Dark Passenger, September 2017)


Ähnliche Beiträge

Mit mir und/oder dem Morphoblog verknüpfte Profile in verschiedenen sozialen Netzwerken:

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: