Tropfen um Tropfen | Hörgeschichte


Wie auch schon bei “Asche bleibt“, handelt es sich bei “Tropfen um Tropfen” weniger um eine Kurzgeschichte, als vielmehr um ein Poetisches Fragment. Entstanden bei einem Gewitter im Mai 2019 ist das Fragment relativ frisch und stellt in erster Linie eine Gefühlsbeschreibung dar.
Ich würde sagen, es ist eine Geschichte, die mir in dem Moment vom Regen selbst, oder einem unbekannten Wesen des Wassers erzählt wurde. Vielleicht wurde diese Geschichte auch mit einem Fragment der Erinnerung des Ertrunkenen vermischt.

Das zugehörige Videomaterial stammt von einem Regenschauer, den ich zusammen mit Max im Juli 2018 am Simssee (wo ich auch barfuß bei Regen durch den Wald lief) erleben durfte. Wir sind dann noch während des Regens im See geschwommen, was wirklich wundervoll war.
Dabei entstand auch dieses Bild auf Instagram.

Auch wenn die Geschichte auf den ersten Blick traurig klingen mag, stellt euch einfach diesen Moment dabei vor, dann wird vielleicht noch klarer, was ich (bzw. das oben erwähnte Wasserwesen, vielleicht eine Najade?) damit transportieren möchte.

Wie immer freue ich mich auch über einen Daumen auf dem Video bei Youtube, einen Kommentar oder ein Abo meines Youtube-Kanals.
Ich erster Linie aber wünsche ich mir, dass ich mit der Hörgeschichte berühren kann.



Tropfen um Tropfen

Bei dir kann ich sein, wer ich wirklich bin. Kann weinen und schreien, in deine Stille hinein, in deinen Lärm hinaus, muss mich nicht rechtfertigen, für meinen Schmerz, meine Tränen und mein Leid. Meine Dunkelheit kann durch dich fließen, fortgespült werden, aus der Luft, in die Erde, so wie es seit Anbeginn der Zeit dein Schicksal war. Nimm sie in dich auf, diese schwere Energie und spül sie fort, durch die Flüsse dieser Welt bis in die Meere. Im Ozean verwäscht sich mein Leid dann mit dem Leid der ganzen Welt. Abgewaschen. Gereinigt. Kalt und still und klar.
In meinen Träumen reise ich mit meinem Leid mit. Gebe dir nicht nur meine Tränen, die du ergiebig in dich aufsaugst, sondern klebe meine Seele an dich, klammere mich fest, an deiner Flüchtigkeit. Du bist so kalt, so formbar, bist alles, was ist, das pure Leben, die pure Heilung.
Wenn du aus dem Himmel regnest, um den Durst der Welt zu löschen, erkennt sie nicht, dass du viel mehr für sie tust, als sie nur zu ernähren. Gibst ihr zwar zu trinken, auf dass das Leben sprießt, doch wirst missverstanden. Ich habe dein wahres Wesen erkannt. Habe es erträumt. Es im Glitzern deiner Tropfen gesehen. Konnte es in der Dunkelheit schillern sehen.
Wenn ich mit dir reise, in meinen Träumen oder vielleicht sogar in einer anderen Dimension, dann sehe ich alles, was dich ausmacht: Liebe für deine Schöpfung. Du wäschst die Sünden von uns, trinkst unseren Schmerz und gibst uns Hoffnung. Nicht nur ich kann sein, wie ich wirklich bin. Die ganze Welt verliert die unsichtbaren Fesseln, die gebunden wurden von anderen mächtigen Wesen, sie zu knechten, sie in ihre Rolle zu zwingen, zu leiden, zu weinen, zu schluchzen, die Geheimwaffe: Wasser gegen Wasser.
Unbarmherzig brennt das Feuer der Sterne alles nieder, was ihnen zu nahe kommt.
Unbarmherzig zertrümmert die Erde der Planeten letztlich jedes Teilchen, das sich in ihrem Gravitationsfeld befindet.
Unbarmherzig verweht die Luft des Windes alle Spuren alter Liebesschwüre, egal ob diese noch gehört werden wollen oder nicht.
Doch barmherzig wäschst du unsere Tränen fort und heilst uns, katalysierst uns, machst uns ganz.
Spätestens in meinem Traum, wenn ich mit dir reise, verstehe ich, dass ich du bin, aus dir bestehe und aus deinen Gegenspielern.
Unter Wasser kann ich nicht mehr schreien, so sehr ich es auch versuche, denn niemand muss mich hören. Ich kann nicht mehr bluten, denn du verschließt meine Wunden. Ich kann nicht brennen, nicht brechen, nicht ersticken. Ich kann nicht mehr weinen, denn ich bin selbst nur ein Tropfen im unendlichen Ozean aus Tränen. Tränen der Welt, die in kalten Flüssen durch zahllose Welten reisten. Tränen der Götter, die um ihre verderbte Schöpfung trauern. Tränen der Sterne, die auf uns herabsehen und ihre Kinder vermissen.
Ich treibe. Haltlos. Ziellos. Habe mich längst aufgelöst. Tropfen um Tropfen. Bin ertrunken. Bin längst tot. Bin nur noch Wasser. Nur noch Energie. Bin nur noch dunkle Liebe in den Wellen der Meere. Bin endlich daheim. Bin endlich frei. Bin endlich ich selbst.


Mit mir und/oder dem Morphoblog verknüpfte Profile in verschiedenen sozialen Netzwerken:

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: