Kein Gehorsam | Poetisches Text-Bild-Fragment


Kapitel 1: Blinder Gehorsam

Wenn wir wachen, die Welt schauen, mit all ihren Wundern, dann sehen wir sie: Die Täuschungen unserer Wahrnehmung, vor dem Portal.

Die geschlossene Tür verrät uns nicht, wer wir, wer die Welt, wer das Universum wirklich ist. Kurz erahnen wir den Nektar der Wahrheit auf unseren Lippen, schmecken einen Funken Sternenstaub auf unserer Zunge, hören das Echo des Zwitscherns der schwarzen Löcher in unserer Zwillingsgalaxie. Doch sehen nur die Sonne versinken. Ein Wunder.

Sieh den Sonnenuntergang und träum weiter von der Freiheit.



Kapitel 2: Kein Gehorsam

Hinter dem Portal unserer Wahrnehmung, hinter der Sonne, hinter dem Horizont liegt die Wirklichkeit.

Wie klebriger, süßer Nektar aus Violett und Blau und Rosa, Regenbögen aus Eiskristallen, wie eine Pfütze Zuckerwasser auf metallischem Waldboden, wie ausgepresster Sternenstaub, ein Sirup aus weichen Formen, unendlichen Kanten, Myriaden von Knoten, ungelöst, so weit der Horizont des Urknalls reicht, Wellen, die von unseren Füßen bis zum Rand des Universums gegen die Grenzen des Seins branden, eingebettet, weich und zuckerwattrig, im festen Griff des Gehorsams eines Programmcodes auf dem Ereignishorizont der Singularität nebenan, mittendrin, der uns alle manifestiert, der unsere wahre Natur enthüllt, in seinen geheimen Methoden und Funktionen: Fraktale in einer endlosen Schleife durch die Existenz.

Wenn wir träumen, wenn wir reisen, wenn wir uns auflösen in der Dimension der wahren Wirklichkeit.



Kapitel 3: Letzter Gehorsam

Wenn wir das letzte Mal träumen, sternenlos, ohne Licht und ohne Ziel, wenn wir nur noch ein Funke in der Selbstähnlichkeit eines Fraktals aus dunkler Materie sind, dann stehen wir vor dem letzten Licht der Welt. Ein schwaches Glimmen zwischen Leben und Tod. Lassen unsere längste und dunkelste Angst aus uns herauskriechen, langsam, schmerzhaft, erlösend. Blutend. Vergehend. Unsere Seele in die Unendlichkeit verwischend.

Hinter dem Blut wartet unsere letzte Prüfung, unsichtbar.



Kapitel 4: Unsichtbarer Gehorsam

Leben.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst. Angst.
Tod.



Kapitel 5/0: Neuer Gehorsam

Nichts ist jemals fort. Information vergeht nicht, selbst dann, wenn die zugehörige Materie in den schwarzen Löchern versinkt, aus denen eines Tages unser Universum bestehen wird. Alle Planeten, Sterne, Monde, das gesamte Funkeln des Kosmos wird verschwinden.

Doch wir kommen immer wieder. Tauchen auf aus einem gleißenden Lichtschein, der Spirale des ewigen Lebens, aus dem Höllenfeuer oder dem Garten Eden, zurück in die Wirklichkeit, die wir uns erträumten.

Tod. Angst. Angst. Angst. Leben.

Wenn wir aus dem ewigen Traum erwachen, dann sehen wir die neue Form der Illusion. Jeder Moment schmeckt nach Wunder, Liebe und Freiheit, nach der Sehnsucht eine neue Welt zu entdecken, bis wir eines Tages wieder der einen letzten Angst, unserem Schicksal gegenüberstehen, das verbannt wurde in unsere Träume, hinter die Illusionen, in Paralleldimensionen verschoben wurde.

Ein weiteres Mal werden wir aufhören zu gehorchen:
Wenn wir träumen, wenn wir reisen, wenn wir uns auflösen in der Dimension der wahren Wirklichkeit.



Hintergrund, Schaffensprozess, Interpretation

Normalerweise schreibe ich ja hier zu den Werken immer auch noch ein bisschen was zum Hintergrund, der Intention oder über den Bezug zu mir, zumindest dann, wenn es sich um mehr als nur ein Gedicht oder eine Geschichte handelt.
In diesem Fall möchte ich das auch wieder tun, denn das ganze Projekt war ein sehr intuitiver Schnellschuss, eine Eingebung sozusagen, die stark von ganz konkreten Ideen getriggert wurde. Den Schaffensprozess dieses Werkes finde ich selbst interessant, daher könnte sie vielleicht auch für andere interessant sein.
Allerdings habe ich beim Verteilen der einzelnen Kapitel über die sozialen Medien für meine Verhältnisse sehr viele Kommentare enthalten, die sich sehr unterschiedlich und teilweise auch kontrovers zu einem der enthaltenen Themen (die Angst) geäußert haben. Da diese das Projekt durchaus (zumindest für Kapitel 4 und 5) thematisch tangieren (leider nicht mehr als das), aber ein eigenes Phänomen sichtbar machen, möchte ich mir für die Aufarbeitung der Hintergründe etwas mehr Zeit nehmen und sie vom Werk entkoppeln.
Es wird also (hoffentlich demnächst), wenn es noch etwas mehr Input aus dem Diskussion gibt, noch einmal einen Beitrag zu diesem Projekt geben.


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Über Unus Zerum

Autor der meisten Artikel, die sich um Psychonautik und Ethnobotanik drehen. Manchmal auch Künstler und Geschichtenerzähler auf anderen Gebieten.

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