Wispern 4


Und mit jedem Schritt hörte er aufs Neue das Knirschen des Schnees unter seinen Füßen, die mit jedem Mal fast vollständig von diesem Weiß verschlungen wurden. Es war dunkel, tiefste Nacht, dunkler Himmel, keine Sterne, doch die Schneeflocken wirbelten von Oben hinab, ohne Unterlass, zu tausend und abertausenden, und der Wind machte es ihm unmöglich sie beim Fallen zu beobachten – er versuchte das hin und wieder, doch er verlor jede seiner erwählten Flocken sofort wieder aus den Augen, und das machte ihn fast ein bisschen traurig, war doch jede auf ihre andere Weise schön. Hin und wieder blieb er also stehen und blickte sich um, er stand mitten auf einem recht breiten Weg, alles war weiß, der Weg war umsäumt von kahlen Bäumen – ebenfalls weiß, sich leicht im Wind wiegend, sich ab und zu von dem Schnee, der sich auf ihre Äste niederlegte, befreiend schüttelnd.

Es war tiefste, rabenschwarze Nacht, und dennoch war es hell, alles war voller Schnee, er war überall, und die vereinzelt herumstehenden Lampen am Wegesrand beleuchteten den Schnee so, dass er glitzerte, so, dass jeder einzelne Kristall reflektierte und so ergab sich ein wunderbares Bild aus Bewegung der Bäume und Farben des Lichts im Schnee, zusammen mit seinem hellen Weiß. Er richtete seinen Weg wieder nach vorne, das Glitzern verschwand im Augenwinkel und auch die Bewegungen der Flocken und der Bäume rückte aus seiner Aufmerksamkeit. Er hatte doch ein Ziel zu erreichen, weit in die Ferne ging dieser Weg, ein Ende nicht absehbar, irgendwann verschwand er im Schneegestöber, und endete doch irgendwo, am Ziel.

Wieder begann das Knirschen unter seinen Füßen, als er Schritt auf Schritt tat und es vermischte sich mit dem Wind. Die Bäume um ihn herum rauschten und knarrten, ihre Äste schlugen gegeneinander und manchmal hatte er das Gefühl sie würden brechen, der Wind würde sie brechen, und die einzelnen Schneeflocken fielen auf die Äste und den Boden nieder und jedes Mal klang es anders, ein Prasseln, wie Regen, doch viel sanfter, viel zaghafter, doch auch viel schöner. Es war ihm – als er wieder stehen blieb um in die Ferne zu blicken – als spürte er jede einzelne Flocke, die an ihm abprallte oder an seiner Jacke hängen blieb, als könnte er jede einzelne benennen und unterscheiden, die dort vor ihm umhertanzte und zu Boden glitt. Und dann hörte er noch etwas anderes, erst hielt er es für das Raunen der Bäume im Wind, doch dann hörte er den Unterschied, es war ein Flüstern, es war Menschlich, es war doch einstimmig?

Er drehte sich einmal langsam, überall flitzten die Schneeflocken herum, er sah nichts weiter als sie und weiße Baumgerippe. Der Wind war etwas stärker geworden, so schien es ihm, denn das Rauschen der Bäume wurde lauter und sie schwanken etwas stärker, entledigten sich immer mehr des Schnees und schlugen immer fester ihre Äste zusammen, sie stöhnten, ächzten, knarrten und hier und da knackte es beinahe schon bedrohlich. Und von überall her ertönte ein Flüstern, ein Wispern, es drang aus den Kronen der Bäume und es kam von jeder einzelnen Flocke, nun nicht mehr einstimmig. Aber leise, nicht aufdringlich, leise und dezent. Es war ihm unheimlich und er versuchte zu hören, zu erkennen was ihm die Umgebung sagen wollte, er versuchte Worte zu erkennen, eine Anweisung, eine Warnung, doch es war nur Flüstern. Er drehte sich noch einmal, da erblickte er die kleine zusammengekauerte Gestalt im Schein einer der Lampen, dunkel gekleidet, mit Schnee bedeckt und von den Flocken umspielt. Er meinte seinen Namen rufen zu hören, und gleichzeitig wusste er, dass es Einbildung gewesen war, dennoch ging er der Forderung nach.

Als er vor ihr stand, hob sie den Kopf und blickte ihn an, ihr Blick durchbohrte ihn, er war scharf und fordernd, ausgesandt von dunklen kalten Augen, die ihn frösteln ließen, zum einen weil ihm plötzlich kalt ums Herz wurde, zum anderen, weil etwas wie Angst in ihm aufstieg, keine Panik, doch der Blick war ihm unheimlich, plötzlich war alles unheimlich, der Schnee, die Bäume, der Wind, die Dunkelheit, das Glitzern selbst. Das kleine Mädchen starrte ihn an und ihr braunes langes Haar flatterte im Wind, durchsetzt von weißen Flocken umspielte es ihr hübschen Gesicht, mit einer unglaublichen Anmut passte es sich in die Bewegung des Schnees und der Bäume im Hintergrund und der Äste über ihm ein, und ihm wurde immer kälter und ein weiterer Schauer lief ihm den Rücken hinab.

Sie flüsterte etwas, er versuchte sie zu verstehen, aber es war als sprach sie nicht zu ihm, als spräche sie nicht seine Sprache, dennoch verstand er Fetzen, für einen Bruchteil einer Sekunde jedoch nur, dann hatte er die Bedeutungen der Worte wieder vergessen, es war, als spreche sie zum Schnee, zum Wind, zu allem um sie beide herum. Und da wurde der Wind stärker, als habe sie ihm das befohlen. Die Schneeflocken wurden größer und sie wurden immer mehr und sie drängelten, stießen sich gegenseitig herum. Sie fingen an ihn zu umwirbeln, ihn zu umtanzen, sich auf ihn zu konzentrieren, sie schlängelten sich um seine beiden Arme, seinen ganzen Körper, wollten ihn einhüllen. Er trat einen Schritt zurück und fuchtelte mit den Armen herum, auf und ab, wollte den Schnee zurückhalten, langsam stieg eine Art Panik in ihm auf, es war ihm, als würde er angegriffen und es gefiel ihm nicht. Der Schnee wurde dichter, der Wind stärker und viel kälter, er fror und er musste die Augen schließen und schützen, er spürte nur noch wie alles um ihn herum in einem weißen, glitzernden Wind verschwand, er war vollkommen umhüllt und wenn er kurz dazu kam ein Auge zu öffnen, sah er nichts weiter als Schnee, kleine Kristalle, alle unterschiedlich, und manchmal bildete er sich ein sie lachen zu hören, sie alle, tausende, tausende von verschiedenen Stimmchen, lachende Stimmchen, aber nicht bösartig, dennoch wurde ihm immer banger. Da durchzuckte es ihn, plötzlich war alles Lachen der Schneeflocken, alles Rauschen des Windes, alles Knarren der Bäume und das Flüstern des Mädchens zu einer einzigen großen Stimme verschmolzen, eine sanfte Stimme, ein einziger Ton, ein einziger Klang, sanft, beruhigend, alles übertönend, vollkommene Harmonie.

Er wollte seine Augen gar nicht mehr öffnen, nur lauschen und spüren, fühlen, wie seine Angst verschwand, wie ihm warm wurde, wie er plötzlich nicht mehr mitten im knöcheltiefen Schnee stand, zwischen weißen, schwankenden Bäumen, unter dunklem Himmel, in einem wahren Sturm funkelndem Licht, sondern nirgendwo war, einfach nur dieser eine, lange Moment existierte. Und plötzlich meinte er eine wirklich Stimme zu hören und auch zu verstehen, tief in ihm, in seinem langsam vollkommen erwärmten Herzen breitete sich eine Anweisung aus, die Anweisung sich zu drehen und zu tanzen, glücklich zu sein und zu lachen, es den Schneeflocken gleichzutun, zu glitzern und zu glänzen. Das Ziel aus den Augen zu verlieren. Und während er hörte, immer mehr hörte – ihm schien ihm wurden plötzlich alle Geheimnisse dieser Welt offenbart und erklärt, plötzlich war da nichts mehr, was es ihn zu wissen bedurfte, er war allwissend in diesem Moment, er hatte die volle Erkenntnis über alles – da machte sich auch eine kleine Assonanz ganz weit hinten, hinter all den Geheimnissen, hinter all dem Wissen bemerkbar, ein Zweifeln, kurz störte es ihn, kurz spürte er etwas Kaltes in seiner Brust, dann war es fort. Es hatte aufgehört zu schneien.

Als er die Augen wieder geöffnet hatte, wusste er erst nicht wo er war, wer er war, und was geschehen war. Doch es vergingen nur einige Sekunden, da war ihm alles klar; Nur konnte er sich nicht daran erinnern, was das Mädchen ihm gesagt hatte, er hoffte sie würde wieder… doch sie war weg. Auf beiden Seiten des Weges standen Lampen und unter keiner kauerte ein kleines geheimnisvolles Mädchen. Verwundert über die plötzliche Stille – der Wind war weg – drehte er sich ein paar Mal, und beschloss dann weiterzugehen. Er hatte noch ein gutes Stück zum Ziel. Er tat einen Schritt vor, doch stutze dann, denn er zweifelte an der Richtung. Er drehte sich einmal, Fußspuren waren keine zu sehen, woher war er also gekommen, und wo lag sein Ziel? Beide Richtungen sahen gleich aus, beide Wege führten ins endlose Weiß. Schließlich erkannte er, dass es egal war, welche Richtung er weitergehen würde, denn er würde immer dort ankommen – so hörte er das kleine Mädchen erneut flüstern – von wo er hergekommen war, immer.

(30.12.2001)


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Mopso
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Mopso

Ich hingegen erkenne durch eine zugegebenermaßen humoristsche Interpretationsweise, dass der Text in seiner Botschaft entgegen meiner damaligen Erwartungen Recht behalten hat:
Egal wo du herkommst, daheim ist es halt am schönsten :-)

Alex
Gast

Das Gefühl “nach Hause zu kommen” ist zweifelsohne eines der schönsten. Doch wo sind wir wirklich daheim, und wann? Womöglich ist jedes Fernweh nur die Suche nach dem wahren zu Hause während wir in Wirklichkeit – mit allem verbunden – überall daheim sind.

Danke fürs Lesen, Mopso ;)

Lucia Frei
Gast

Sehr guter Text, danke dass du den mit uns geteilt hast!!

Alex
Webmaster

Danke Lucia :) Vielleicht kram ich mal noch ein paar mehr alte Texte aus ;)