Illusion


Langsam rieselte der Sand durch seine leicht gespreizten Finger.
Jedes einzelne Korn verfolgte einen ganz anderen Weg als sein Vorgänger, und er versuchte jeden dieser Wege zu verfolgen.
Er wusste: es gab diese Möglichkeit, es gab die Möglichkeit die Zeit anzuhalten und jedes Sandkorn einzeln zu betrachten, es von allen Seiten zu sehen, seine Einzigartigkeit zu fühlen.
Er schloss die Augen und spürte weiter den Sand durch seine Hände gleiten; es fühlte sich an wie… verlieren. Doch gleichzeitig auch wie einfaches Fortschreiten. Wie das Stehen an einer Gabelung und sich ruhigen Gewissens für den rechten Weg entscheiden zu können.
Als er die Augen wieder öffnete stand die Welt still. Er zog zögernd seine Hand weg, der Sandhaufen stand in der Luft, machte keine Anstalten herabzurieseln, die Schwerkraft wirkte nicht mehr, alles war ruhig, alles war still.
Er betrachtete konzentriert die glitzernden Sandkörner und versuchte zu verstehen was sie im wahren Leben zu Boden fallen ließ.
Er blickte in den Himmel, zu den Sternen, zum vollen Mond, das Licht war eingefroren, aber es erstrahlte weiter.
Und er hörte seinen Atem, seinen Herzschlag, er lebte, er legte sich die Hand auf die Brust und fragte sich wieso er nicht angehalten worden war, und ob er denn weiter hätte leben können, wenn das geschehen würde.
Mit dem Blick auf den dunklen Himmel gerichtet machte er eine langsame weite Handbewegung und hinter ihr verschwamm der Himmel zu einem gleißenden Weiß, er wischte die Welt fort und sah hinter ihr das all umfassende Sein, aus welchem sein Leben, seine Entscheidungen und jedes einzelne Sandkorn und jeder Stern gesponnen waren.
In der Erkenntnis, dass alles und jeder Eins waren, Zeit und Materie keinerlei Bedeutung hatten, lächelte ein winziger Teil dieser riesigen göttlichen Energie und wusste:
im nächsten Moment würde der Sand wieder durch die Hände einer ihrer Manifestationen rieseln und jedes Sandkorn würde seinen eigenen Weg beschreiten.

(2006)


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