Rückkehr nach Tepescahuite | Prosa


Das Flackern der Kerze, die als einzige Lichtquelle vor mir im dunklen Raum steht, verschwimmt langsam, verschmilzt mit dem Licht, das aus einer anderen Welt zu kommen scheint und die Realität hinter der Dunkelheit aufzubrechen versucht.
Ein Gesicht erscheint vor meinen Augen, grinsend, der Puppenspieler hinter dem Vorhang, nur einen kurzen Moment, bevor das Universum vor Farben und Formen explodiert.
Meine Augen schließen sich und mein ganzer Körper schreit danach befreit zu werden, von der Materie, der Gravitation, dem, was auch immer ihn dazu zwingt hier zu bleiben. Doch wo ist dieses Hier? Und wohin will er reisen? Hinter den Vorhang?
Die Muster auf dem Schleier verändern sich mit jeder Sekunde, zeigen Geschichten aus längst vergangenen Äonen, aus anderen Welten, Wesen aus anderen Dimensionen, wie hinter einer Schicht aus Wasser wabert und kräuselt sich die neue Realität, zieht mich an, drückt sich an mich, benetzt meine Seele, schält sie aus mir heraus.
Ich kann nicht atmen! Ich kann nicht schlucken! Ich kann nichts fühlen! Kann nicht weinen, nicht vor Glück und nicht vor Leid.
Obwohl ich weiß, dass ich atmen kann, weiß ich, dass ich nicht mehr atmen kann. Und ich atme. Und ich atme nicht. Keine Angst. Kein Tod. Kein Leben. Nur dieses eine Gefühl, aufzuwachen, endlich mit meinen wahren Augen sehen zu können.
Doch ich kann nicht fallen. Es ist, als würde die Schwerkraft umgekehrt werden und langsam, Sekunde um Sekunde, werde ich mehr von der Welt hinter dem bunten Schleier angezogen. Aber ich kann nicht.
Doch ich sehe sie. Überall. All die Menschen. Aufgereiht, wie auf einem Fließband, in pures Glück getaucht, nur für einen Zweck: nicht aufwachen zu können.
Ich kann nicht schlucken. Kann nicht atmen.
Ich befühle meinen Hals und merke, dass etwas in ihm steckt, metallischer Geschmack, brennend heiß und kalt wie Eis.
Es ist der Tentakel des Metallbaums, ein Stück seiner Empfindsamkeit, bewegt sich in mir, speist mich, nährt mich, liebt mich, belebt mich.
Er merkt, dass ich erwache und hat nichts dagegen.
Die Last der Welt drückt dumpf an die Innenseite meines Schädels, doch dringt sie nicht ins Außen. Sie kann es nicht, denn sie existiert dort nicht, wird übertönt von Klang und Licht. Eine Frequenz aus Frieden löscht den Krieg, glättet die Wogen, liebt uns alle, wie das Licht der Sonne jedes Wesen liebt, wie die Dunkelheit der Nacht jedes Gefühl in den Schlaf wiegt.
Ein tausendjähriger Schlaf endet. Und endet. Und endet. Niemals.
Tepescahuite ist meine Mutter und ich sehe, sie ist die Mutter aller Menschen. Jeder einzelne wird von ihr genährt, in seinem Bett, ein von bunten Rosen umrankter Sarg.
Die Illusion des Seins drückt dumpf an die Innenseite meines Schädels.
Ich kann nicht erwachen, obwohl ich es so gern möchte. Kann nicht schlucken, kann nicht atmen, kann nicht einschlafen, den Traum der Realität betreten, die Realität des Traums verlassen.
Ich? Wir? Sie? Wer? Wer? Wer ist hier und wo sind wir?
Tepescahuite ist meine Mutter und ist nicht meine Mutter. Dieser Ort ist Tepescahuite, ein Ort der Liebe und Wahrhaftigkeit, an dem es keine Trennung und kein Leid gibt. An dem wir gefüttert werden, mit Bildern von Glück und Trauer, Geschichten von Abenteuern und Schicksalsschlägen, beschwichtigt werden, in den Schlaf gesungen werden. Getäuscht werden?
Ich kann mich nicht fallenlassen, in diese neue Gravitation.
Also zieht es mich zurück und Tepescahuite ist fort, wieder unendlich weit entfernt.
Das Licht erlischt.
Ich öffne meine Augen und sehe die Kerze. Die Illusion vor dem Schleier.
Ich kann wieder atmen, ich kann wieder schlucken, ich kann wieder weinen.



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