Ich bin ein Geist | Kurzgeschichte


Das Licht der Kerze neben uns flackerte. Das meiste im kleinen Zimmer, in dem wir uns gegenüber auf dem Boden saßen, war unsichtbar, in eine unbekannte, unwirkliche Schattenwelt entschwunden. Nur hin und wieder, wenn die Flamme ausschlug, da blitzten Fragmente alter Erinnerungen an den leeren Wänden auf. Geschichten aus der Geisterwelt, vom Tod erzählend, vom Leben träumend.
Über uns war der Sternenhimmel. Das Zimmer war also nicht geschlossen, doch ich verstand nicht, wozu es Wände hatte. Wie in einer Sternwarte fühlte ich mich, geneckt von der Schönheit des Sternenglanzes, mir zuraunend, dass dies die einzige Richtung war, die ich nicht erreichen konnte, die mir Freiheit vorgaukelte, während ich in Wirklichkeit gerade gefangen war. Nein, wir. Wir waren gefangen, in dieser geisterhaften Situation. Unwirklich wie ein Geist, unecht wie der Traum eines mächtigen Wesens, absurd wie das Leben selbst.
Ich sah ihr in die Augen, deren Farbe ich im Flackerlicht nicht richtig erkennen konnte, während sie meine Hand hielt und seufzte. Ich erkannte etwas, was meine Augen nicht zu sehen vermochten, etwas, was perfekt unter den Sternenhimmel passte, doch bevor ich verstehen konnte, was genau es war, wurde ich von ihrer Stimme aus meinen Gedanken gerissen.
„Du bist wie ein Geist. Wie du hier sitzt. Gehörst hier gar nicht her. Doch ich kann dir alles sagen, mein ganzes Leben vor dir ausbreiten…“
Ich fühlte die Verlegenheit, die in mir aufstieg, ob dieser Einschätzung. Wie ein Kompliment fühlte sie sich für mich an, auch wenn ich nicht begriff, was genau sie damit eigentlich meinte.
Wir hatten uns erst eine Stunde zuvor kennengelernt. Zufällig, im Vorbeigehen, nur ein Blick, nicht einmal ein Lächeln. Dieser eine kurze Blick hatte ausgereicht zu erkennen, dass wir beide Heiler waren.
„Ich heile dich, wovor auch immer du davonläufst“, sagten ihre Augen.
„Ich heile dich, wovor auch immer du davonläufst“, sagten meine Augen.
Dass wir beide Heiler waren und dass wir beide davonliefen.
Nun saßen wir hier, unter den Sternen, gefangen zwischen dunklen Wänden, die uns ihre Geschichte nur schemenhaft erzählen wollten, waren Geister im des jeweils anderen Leben, in einer Geisterwelt.
Sie lachte. Schüttelte den Kopf überschwänglich, so dass ihre Haare im Halbdunkel umherwirbelten und einen leichten Duft von Ingwer um sie herum verteilten.
Sie war schön. Unter all dem Schmerz und der Überforderung, die in diesem Moment, wie die flackernden Schatten auf den Wänden, ihr ganzes Wesen einnahmen. Ihre Schönheit war gezeichnet von so vielen Narben, die ihre Berufung als Heilerin ihr zugefügt hatte und die selbst nicht heilen konnten, weil sie davonlief, so dass man sie kaum noch erkennen konnte, so sehr sie sich auch bemühte daraus hervorzustechen.
„Du bist wunderschön. Ein wunderschöner Geist. Und ich bin so dankbar dafür, dass ich dich treffen durfte.“
Ich schwieg und meine Verlegenheit stieg. Während sie das sagte, streichelte sie meine Hand und ich merkte, was sie da tat. Sie hatte ihre Heilung begonnen und sie überforderte mich. Ich war doch nur ein Geist. Konnte ich als Geist überhaupt geheilt werden?
Ich konnte sie in meinem Solar-Plexus fühlen, ihr so tief vergrabenes Licht und ihre Schönheit und Stärke sehen. In ihrem wahrhaftigen Lächeln konnte ich erkennen, dass sie das Licht selbst sehen konnte, aber nicht verstand, woher es tatsächlich kam. Ihr Licht war auch ihre Dunkelheit. Ihre Fähigkeit hinter den Schleier zu blicken, das war ihr Geheimnis, von dem die Schatten auf den Wänden gern erzählen würden, es sich aber nicht trauten, weil es verrückt klang.
Sie übertraf meine Fähigkeit mich in meiner Rolle als Heiler fallenlassen zu können bei weitem, und kurz fühlte ich mich deswegen schlecht. Mein Blick, als wir uns getroffen hatten, wollte nicht gelogen sein.
Wir schlossen die Augen und begegneten uns neu, in einem Raum aus purem Licht. Als wären wir alte Freunde, die sich vor Äonen zum ersten Mal getroffen und dann wieder verloren hatten. Wir schlossen uns gegenseitig in die Arme, und so nah wir uns auch fühlten, nach so langer Zeit, merkte ich trotzdem, wie Angst in mir aufstieg.
Wir öffneten die Augen und die Situation des Wiedersehens nach so langer Zeit war fort. Wieder war nur noch Stille, das Leuchten der Sterne und das Flackern des Kerzenlichts um uns herum.
„Die Menschen haben Angst vor mir, das ist normal, das bin ich gewöhnt“, sagte sie und sah mich traurig an.
Leise verfluchte ich mich dafür, dass ich genau diese Angst fühlen musste. Weil ich davonrannte und sie mich ja sonst nicht heilen konnte – aber auch weil sie davonrannte und ich sie ja sonst nicht heilen konnte, kein Katalysator sein konnte. Und langsam verstand ich, wie kompliziert unsere Begegnung war. Oder wie kompliziert ich sie machte, in meinem Kopf. Um sie einzupassen in die Situation: Gefangen in den Schemen des Halbdunkels mit einem freien Blick auf eine unerreichbare, unendliche Freiheit.
„Aber du brauchst keine Angst vor mir zu haben“, sagte sie, während sie meine Wange streichelte, eine gewisse Verrücktheit ausstrahlend. „Du bist nur ein Geist, dir kann ich nichts tun.“
Meine Angst wuchs zu einer Panik an. Ich wollte kein strahlender Retter sein, der als einziger ihre Schönheit sehen konnte. Ich wollte kein Heiler sein. Und verdammt noch mal, ich wollte bestimmt kein verfluchter Geist sein!
Ich sprang auf, stand im dunklen Raum und wollte nur noch fort. Weglaufen. Vor meiner Angst. Vor ihrem unumstößlichen Schicksal in jedem Menschen Angst und Schrecken auszulösen, der es wagte ihr zu nahe zu kommen.
Kurz sah ich die Geschichten aus der Geisterwelt an den Wänden prangen, lesbar, als sich das Kerzenlicht mit dem Sternenlicht verband. Sie erzählten von so viel Leid hinter den Schleiern, von so viel Angst hinter der Schönheit, von so viel Tragik hinter der Liebe.
Sie saß immer noch am Boden, starte dorthin, wo ich gerade noch gesessen hatte, lächelte bitter aber gütig und sagte:
„Du bist wie ein Geist. Wie du hier sitzt. Gehörst hier gar nicht her. Doch ich kann dir alles sagen, mein ganzes Leben vor dir ausbreiten…“
Da verstand ich, dass meine Angst irrelevant gewesen war. Ich war gar nicht wirklich hier. Ich war wirklich nur ein Geist gewesen, egal ob ich damit einverstanden war oder nicht.
Ich sah zu den Sternen und wünschte mir, dass wir uns wiederbegegnen könnten, als Nicht-Geister, ohne davonlaufen zu müssen. Und im Licht der Sterne löste sich der letzte Rest meiner Energie auf, seufzend, und kehrte heim.

(Dark Passenger, Mai 2017)


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