Katalysator 2


Ich stehe in einem dunklen Raum, die Wände kann ich nicht erkennen, doch ich weiß: er ist nicht endlos, auch wenn es sich so anfühlt. Als würde ich in der Unendlichkeit des Alls schweben, nicht atmen könnend, nicht atmen wollend, schlafend, wachend, beschützend. Nicht das tuend, wofür ich bestimmt bin.
Um mich herum schwimmen Schatten durch das dunkle Wasser. Jetzt fällt es mir auf, wenn ich meine Arme bewege: ich bin am Meeresgrund, wieder, Kilometer tief, in der Dunkelheit. Wenn ich die Augen öffne, sie zusammenkneife, etwas in der Ferne zu erkennen versuche, dann erkenne ich die Lichtpunkte, die überall herumschwirren. Wie kleine Fische. Seelen. Jede einzelne ist ein Irrlicht, das sich verlaufen hat, ziellos durch die Dunkelheit schwimmend, mit zitternden Fühlern, die nicht wissen, was sie im nächsten Moment ertasten werden.
Irrlichter und Schatten sind eins. Sie sind Wesen, die das Licht kennen, weswegen sie Schatten werfen, sich nach der Sonne sehnen, den Meeresgrund nach ihr absuchen, sie nicht finden können. Flackern. Glitzern. Wie kleine Blitze, immer wieder kurz, um ihre Welt zu erhellen, den Weg zu finden, zu scheitern.
Ich beobachte das Schauspiel, das Gewusel um mich herum. Es amüsiert mich. Es betrübt mich. Ich weiß, ich bin aus einem bestimmten Grund hier. Ihnen zu helfen, ihnen den Weg zu weisen, doch immer wieder vergesse ich es. Wie. Wie soll ich ihnen denn helfen? Bin ich doch selbst blind. Ohne Luft. Ohne Licht. Ohne Liebe. Auf der Suche. Der Schmerz darüber zerreißt beinahe meine Brust, zerreißt beinahe mein ganzes Wesen. Ein Wesen, dessen Grenzen ich nicht mehr fühlen kann. Wo endet meine Hülle? Wo beginnt das Wasser? Was bleibt, wenn es mich zerreißt?
Eine Seele schwimmt vor meinen Augen. Das kleine Irrlicht flattert, wie ein Vogelküken, das aus dem Nest gefallen ist, fleht mich an, lacht mich an, liebt mich an, und ich vergesse all meinen Schmerz, vergesse, dass ich ihm den Weg nicht weisen kann und flüstere: „Husch husch, zurück ins Nest!“
Ich lache, forme meine Hände schützend um die kleine Seele. Sie ist so wertvoll. Wertvoller als ganze Welten es jemals sein könnten, wertvoller als der Ozean, auf dessen Grund wir uns befinden, wertvoller als der ganze Planet, der nur aus diesem einen Ozean besteht. Wertvoller als das ganze Universum. Und so viel wertvoller als ich selbst.
Ich bin hier, um sie zu beschützen, sie zu begleiten, sie zurück ins Nest zu schicken, mit ihnen zu spielen, mit ihnen zu singen, mit ihnen zu schweigen, mit ihnen zu weinen. Für sie zu weinen.
Kurz lasse ich die Seele vor meinen Augen aus dem Blick, schweife in die Dunkelheit zu all den anderen, die dort toben und heulen und schreien. So laut. So laut. Stumm.
Die Seele verlässt mein Blickfeld, schwimmt hinter mich, sucht weiter ihren Weg, sucht weiter ihren Schatten.
Meine Hände bilden noch immer die schützende Kuppel, doch sie ist nun leer, und etwas in mir stirbt, während etwas Anderes geboren wird. Da verstehe ich besser, wer ich bin: Ich bin all diejenigen, die euch herausfordern, die euch katalysieren, die euch lieben.
Jedes Mal, wenn eine Seele kurz nicht mehr das Irrlicht ist, als das es in die Tiefe des Ozeans geworfen wurde, seinen Schatten sieht und das Licht, das diesen Schatten wirft, erkennt, wird etwas in mir wiedergeboren. Etwas Altes, gebaut aus ebendiesem Licht und ebendiesem Schatten, um die Seele willkommen zu heißen, in ihrem neuen, ursprünglichen Leben. Sei der Stein, sei der Baum, sei der Wind. Sei grün. Sei kalt. Weine, singe, tanze. Schlag mich. Verlass mich. Begrabe mich. Ertränke mich. Verbrenne mich.
„Sei was immer du erfahren musst“, flüstere ich farblos in die Stille des ewigen Ozeans. Ich bin nur ein Schatten, kein Glitzern, ich bin nicht echt, ich habe keinen Weg, ich habe kein Ziel.
Ich existiere nur für dich, kleine Seele.

(Dark Passenger, November 2016)

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