Im Fluss | Kurzgeschichte 2


Der Stein, auf dem ich sitze, ist felsengroß und weiß wie Kreide. Die allesversengende Sonne über mir hat ihm keinen Tropfen Feuchtigkeit gelassen. Meine Füße baumeln hinab und tauchen in das kalte, strömende Wasser des Flusses und mein ganzer Körper dankt ihnen für die Abkühlung, die sie über die Beine hinauftransportieren. Unbarmherzig scheint die Sonne alles niederbrennen zu wollen, was sich nicht in den Schatten oder ins Wasser zu retten vermag. Erbarmungslos scheint sie alles Gras verdorren und den Boden weitflächig zur Wüste verbrennen zu wollen. Würde ich mich ihr hingeben, ich würde jeden Moment in Flammen aufgehen. Doch das Wasser gibt mir Kraft. Der Stein, auf dem ich sitze, gibt mir Kraft. Nicht die Kraft, der Sonne zu widerstehen, als wäre sie meine Feindin, das Monster schlafloser Tage, grinsendes Smiley aus Licht und Liebe an der Oberfläche, jedoch brennenden Hass im Herzen – sondern die Kraft zu erkennen, dass dieser lodernde Hass, den ich in ihrem Kern vermute, nur meine Angst vor dem Licht ist.

Mein Blick verweilt seit Minuten starr auf den Wirbeln, die sich in den Strömungen des Flusses bilden. Immer wieder nimmt das Wasser den gleichen Weg, fließt die gleichen Täler hinab, schnellt um die gleichen großen Steine herum. Das Sonnenlicht glitzert in ihnen, lächelt sie an, kein Konkurrenzkampf, ein Bild seliger Zweisamkeit.
Ich hebe den Kopf, weg von diesem Spiel aus Geschwindigkeitsrausch und Sternenglanz in einem, und blicke in den Himmel: keine Wolke steht zwischen dem Wasser und der Sonne. Und obwohl ich merke, wie sehr mir das friedliche Miteinander, das Wasser und die Erde, die Kraft geben, zu erkennen, welche Wolken mein Herz verdunkeln und mich vom Licht mit all seiner Kraft zur Erleuchtung und Reinigung fernhalten, so fühle ich die Sicherheit und den Schutz dieser Wolken. Sie zwingen mein Herz nicht in die Dunkelheit. Sie beschützen es vor dem Feuer.

Im Augenwinkel sehe ich eine Bewegung und schwenke meinen Blick. Eine Krähe tippelt über die heißen Steine am Ufer des Flusses, einige Meter vom Wasser entfernt. Sehnsuchtsvoll blickt sie auf das glitzernde Farbenspiel des Lichts, das mich auch eben schon in seinen Bann gezogen hatte, sehnsuchtsvoll taucht ihr Blick in das kühle Nass; die Sonne frisst sich regelrecht in ihr schwarz-blaues Federkleid und sie tippelt auf den Steinen von Kralle zu Kralle, um sich nicht zu sehr zu verbrennen. Ich kenne sie, denn ich sitze nicht zum ersten Mal hier.
Mein Blick geht zurück ins Wasser und in diesem Moment teile ich die Sehnsucht der Krähe, im Wasser zu sein und nicht nur meine Füße in es zu stecken. Komplett einzutauchen, die Tropfen auf meiner Haut fühlen, fühlen wie sie meinen Rücken hinabrinnen, für den Bruchteil einer Sekunde eine Spur an Gänsehaut hinterlassend, bis im nächsten Moment die lodernde Hitze der Sonne wieder zu verbrennen versucht, was sich nicht schützen kann.
Die Krähe kommt näher, scheint wie immer fasziniert davon zu sein, wie ich gleichzeitig Teil der Sonne und Teil des Wassers sein kann. Wir beide können fühlen, dass wir mehr gemeinsam haben, als es im ersten Moment scheinen mag.
Ihr Schrei ist rau und wahrhaftig aber voller Verzweiflung. Voller dunkler Poesie.
Ich blicke ihr in ihre kleinen, schwarzen, traurigen Augen und sehe, was sie zerfrisst: das Feuer der Sonne zerfrisst ihre schwarzen Federn, doch viel tiefer trifft sie, dass sie ihrer Sehnsucht, ins Wasser zu tauchen, um sich Erleichterung zu verschaffen, nicht nachkommen kann. Gern würde sie, wie all die anderen Krähen, durch das flache Wasser stapfen, ihre Füße kühlen, etwas Wasser über ihre Flügel verteilen und so der Sonne trotzen.
Und ich erkannte, dass ihre Unfähigkeit in das Wasser zu tauchen, den gleichen Grund hatte, wieso ein Teil meines Herzens der Sonne Hass und Bösartigkeit zu unterstellen versuchte: Sie hatte Angst davor das Feuer und das Licht zu akzeptieren und zu lieben, wenn sie sich dem Wasser hingeben würde. Das Wasser, das in ihren Träumen immer der reißende, alles verschlingende Strom war, der tief und dunkel war, weit wie der Ozean, rau wie die See, tödlich wie die Unendlichkeit des Meeres. Im Schlamm auf seinem Grund die Knochen und daran gebundenen Seelen so vieler Menschen verbergend.
Wieder krähte sie, diesmal einige Male hintereinander, fühlte sich durchschaut von meinem Blick und wollte sich wohl rechtfertigen, erklären, warum sie nichts anderes verdient hatte, als hier inmitten der brütenden Sonne auf den heißen Steinen zu verbrennen, obwohl das rettende Wasser gleich daneben war.
Ich lächelte sie an und ich sah ihre Verwunderung. Hinter meinem Lächeln verbarg sich der Wunsch ihr zu zeigen, dass ich ihre Angst verstand – aber auch der Wunsch, endlich verstehen zu können, was der wahre Grund ihrer Angst war.

Also stand ich auf. Sie schreckte zurück, aber beäugte mich weiter interessiert, als schien sie zu fühlen, dass ich ihr etwas vermitteln wollte.
Ich watete langsam in Richtung Flussmitte und mit jedem Schritt wurde das Verlangen größer, den Schatten auf meinem Herzen ins Licht zu führen. Dass dafür das Wasser notwendig war, hatte ich bisher noch nie so deutlich gefühlt. Im Regen stehend, bei Gewitter über das Feld laufend, auf den dunklen Grund des schlammigen, reißenden Flusses zu tauchen – all das war nichts, gegen das Wasser im Sonnenlicht.
Ich tauchte unter. Über mit brannte das Feuer und um mich herum kühlte das Wasser. Unter mir rumorte die Erde. Alles zusammen ließ Licht in meinem Herzen erstehen, wiederauferstehen, denn ich begriff, dass unsere Herzen nichts anderes als Lichtpunkte am Grunde des dunklen Ozeans waren.
Ich verweilte unter Wasser. Fühlte die Wärme und die Kälte des Seins zur gleichen Zeit und dachte daran, was die Krähe wohl sah. Ob sie sich ein Herz fassen würde, um einen Schritt ins Wasser zu machen, ob sie ihre verbrannten Füße wohl gerade ins Wasser tauchte. Doch ich wusste, sie tippelte noch immer meterweit vom Wasser entfernt über den heißen Kies. In der Schwerelosigkeit des Wassers sah ich ihre kleinen, schwarzen Knopfaugen und hörte ihren kehligen Ruf nach Licht und Liebe, verzerrt. Und ich fühlte mich schlecht, kurz, den Weg ins Wasser gemacht zu haben, und sie dort, allein am Ufer, zurückgelassen zu haben.
Ich tauchte auf. Luft strömte in meine Lungen und erhielt mich am Leben. Kurz hatte ich damit gerechnet, dass die Sonne vergangen war, ein Sturm aufgezogen war, dass die Dramaturgie der Welt ein Gewitter hervorgebracht hatte, um mich in meiner neuen Erkenntnis zu begrüßen. Mich zurückwerfend, rückschwingend, mir beweisend, dass nicht ich, sondern die Krähe die richtige Wahl getroffen hatte. Dass ich nun im reißenden Strom unter einer undurchdringbaren Decke aus schwarzen Wolken, Blitzen und Donnergrollen auf den Tod am Grund des Flusses zu warten hatte.
Doch das Licht der Sonne brannte nach wie vor vom Himmel. Keine Wolke war aufgezogen. Und ich begriff, dass ich meinem Wunsch nach dem Tod im Wasser wieder ein Stückchen näherkommen würde, würde ich ans Ufer zurückwaten und mich wieder auf den Stein setzen und mit der Krähe, Schulter an Schulter, eine unerfüllbaren Sehnsucht beobachten ohne etwas zu tun.

Ich sehe ans Ufer und sehe die Krähe in die Weite blickend auf dem Stein stehend, auf dem ich eben noch gesessen hatte. Viel näher am Wasser, als sie es jemals gewesen war. Sich darauf ausruhend ihrer Sehnsucht so viel nähergekommen zu sein.
Ich drehe mich um und wate in die andere Richtung zurück ans Ufer.
Von dort versuche die Krähe am anderen Ufer zu erkennen und sehe sie noch immer auf dem Stein stehen. Ich habe ein schlechtes Gewissen und ihre kleinen, schwarzen Augen voller Selbstzerstörungsenergie und dunkler Poesie fehlen mir. Ihre Selbstkasteiung. Ihre immerzu gelebte Liebe zur Dunkelheit, zur Emotion, zur Angst und zum Leid. Ihre niemals gelebte Liebe zum Wasser, zum Licht, zur Sonne und zur Freude. All das fehlt mir, obwohl ich mich für die andere Seite des Flusses entschieden habe.

Aber die Welt hält nicht inne und unbarmherzig scheint die Sonne alles niederbrennen zu wollen, was sich nicht in den Schatten oder ins Wasser zu retten vermag. Erbarmungslos scheint sie alles Gras verdorren und den Boden weitflächig zur Wüste verbrennen zu wollen. Ich gebe mich ihr hin und verstehe, dass ich nicht in Flammen aufgehen kann, solange ich die Möglichkeit habe, im Fluss unterzutauchen.

(Dark Passenger, August 2015)

Krähe im Fluss


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Max
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Super. Hab ich schon mal gelesen, aber fand es jetzt beim zweiten Mal noch besser. Ich würde mir in Zukunft nur etwas kürzere Sätze wünschen bzw keine gar so langen. Bin aber vielleicht durch Kant und Hegel zu vorurteilig.

Alex
Gast
Alex

Danke! Aber, ach, hätte das mal jemand zu Thomas Mann gesagt. Aber ich werde mich bemühen, bringt ja nix, wenn’s niemand liest, ne? ;)
“So lang, wie ihn unser Atem trägt”, finde ich übrigens ganz gut, als Antwort auf die Frage: “Wie lang darf ein Satz sein?“.