1. Warum dieser Text existiert
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text überhaupt schreiben möchte.
Nicht, weil mir das Thema egal wäre, sondern weil ich merke, wie schnell Gespräche über generative KI in Lager zerfallen. Zustimmung hier, Ablehnung dort, dazwischen kaum Raum. Ehrlicherweise genauso wie bei jedem anderen kontroversen Thema.
Social Media ist voll von Extremmeinungen und jeder denkst seine persönliche Meinung sei eine allgemeingültige Wahrheit. Gerade im Bereich Kunst und Kreativität ist das für mich ein Widerspruch.
Daher halte ich Diskussionen meistens für nicht Zielführend.
Das kürzlich veröffentlichte Album „Mosaik: Fragmente“ ist mit Hilfe von generativer KI entstanden. Und vermutlich wird das auch für kommende Werke der Fall sein.
Nicht als Provokation, zum Teil als Experiment, in erster Linie aber als Teil meiner künstlerischen Praxis.
Ich schreibe diesen Text nicht, um zu überzeugen, sondern um meine eigene Position festzuhalten, damit ich sie nicht jedes Mal neu erklären muss.
2. Meine Arbeit beginnt nicht mit der KI
Bevor ich Musik mache, schreibe ich.
Texte, Fragmente, Skizzen, Lyrik, Prosa, Ideen.
Diese Texte, Geschichten und Ideen entstehen unabhängig von Technologie.
Sie entstehen aus Beobachtung, aus Gefühlen, aus Zuständen, aus inneren Spannungen. Bei Kerzenschein auf der Couch, bei langen Waldspaziergängen, während Meditation, in Dunkelheit, in Stille, überall dort, wo mir etwas zugeflüstert wird.
Sie sind der Ausgangspunkt, nicht das Ergebnis.
Die KI kommt erst später. Beim Gießen der Geschichten in neue Formen, die für mich bisher nicht erreichbar waren.
3. KI als Werkzeug, nicht als Urheber
Ich verwende generative KI nicht, weil sie „kreativer“ wäre als ich.
Ich verwende sie, weil sie mir erlaubt, etwas umzusetzen, das sonst für mich kaum möglich wäre.
Ich sehe KI nicht als Autor, sondern als ausführendes System.
Ein System, das auf Vorgaben reagiert, auf Sprache, auf Struktur, auf Intention.
Die Entscheidungen bleiben bei mir:
Welche Ideen verwendet werden, welche Versionen verworfen werden, welche Klangwelt bleibt, was nicht funktioniert, was (mitunter sehr kleinteilig) angepasst werden muss usw.
Ohne diese Entscheidungen gäbe es kein Werk.
Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig immer offen und transparent mit diesem Fakt umzugehen; überall wo es möglich ist (In Beschreibungen, Credits und Ankündigungen) werde ich hinterlegen, dass und welche Teile des Werks genau mit Hilfe von KI geschöpft wurden.
4. Warum ich ohne KI wahrscheinlich keine Musik machen würde
Ich habe lange Phasen gehabt, in denen Musik zu schöpfen für mich nicht zugänglich aber immer gewünscht war. Nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus strukturellen Gründen: Zeit, Mittel, Energie, Technik, Verständnis, Talent.
Ich habe es aber trotzdem versucht. Mit 18 habe ich mein erstes „Album“ aufgenommen. Es bestand daraus, Pattern und Samples aneinanderzureihen. Ich habe versucht Instrumente zu lernen, zu lernen, wie Musik funktioniert, und ich habe Musik gemacht, die ich als Hintergrund meiner Vertonungen benutzen konnte. Aber meistens waren es Glücksgriffe und ich habe nie verstanden, was ich tat. Es war nie das, was meiner Vision entsprach und ich war immer enttäuscht.
Generative KI im Bereich Musik hat mich geflasht und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl meinen Gefühlen, Texten und Geschichten musikalisch Ausdruck zu verleihen, so sehr, dass es mir auch selbst gefällt.
KI senkt für mich keine Ansprüche sondern Schwellen.
Das ist für mich kein Verlust, sondern eine Öffnung. Eine Erweiterung. Eine neue Welt und Möglichkeit Geschichten zu erzählen, die schon in mir schlummerten und die sonst nie geboren werden würden.
Neben den praktischen Gründen gibt es noch einen weiteren, den ich hier nur andeuten möchte:
Selbst wenn alle strukturellen Einschränkungen wegfielen und ich meine musikalischen Visionen vollständig ohne KI umsetzen könnte, würden diese Werke nicht gleich klingen.
Das bedeutet: Der Schöpfungsprozess ist Teil des Werks. Und das soll so sein, auch wenn es für den Rezipienten keine Rolle spielen sollte.
Ich möchte die Synthese aus Mensch und Maschine im Werk haben. Und (ich hoffe) das kann man am Genre und Stil der Musik erkennen.
Doch das gehört zur Rezeption der jeweiligen Werke und nicht hierher.
KI existiert für mich nicht als Werkzeug zur Nachahmung. Ich will sie nutzen, um etwas neues damit zu erschaffen.
5. Zur Debatte um „echte“ Kunst
Ich verstehe viele der Einwände gegen generative KI (z.B. die Form wie sie aktuell reguliert oder eben nicht reguliert wird).
Ich teile einige davon, andere nicht (Z.B. teile ich die moralischen Einwände auf Basis fehlerhaften technischen Verständnisses nicht, werde das hier jedoch nicht ausführen/diskutieren).
Aber ich glaube nicht, dass sich diese Fragen abstrakt entscheiden lassen.
Nicht allgemein und nicht endgültig.
Viele Punkte existierten bereits unzählige Male auf andere Bereiche übertragen (Fotografie, CGI, Synthesizer, Buchdruck, Nähmaschinen etc.) und ich muss es ein einziges Mal ganz ehrlich und offen sagen:
Sie lassen sich für mich am besten als Zeichen für Angst vor Veränderung und vor dem Verlust der eigenen Daseinsberechtigung interpretieren.
Aber das sind alles Themen, die wir in uns selbst und unserem Umgang damit lösen müssen. Nicht für anderen. Nicht mit Verboten (Siehe Bandcamp). Nicht mit Verurteilung. Nicht mit der Betrachtung einer einzelnen Perspektive.
Für mich entscheidet sich Kunst nicht per se an der verwendeten Technik, nicht am Schöpfungsprozess, nicht an der Intention, nicht am Aufwand, nicht am Künstler selbst, sondern nur an einem:
Was es im Rezipienten auslöst.
Nur der Rezipient ist in der Lage ein Werk als Kunst oder nicht Kunst zu identifizieren und das nur in dieser einen, einzigartigen Beziehung: Er und das Werk. Nur dieses Werk und nur dieser Rezipient. Was dabei alles tatsächlich noch als „Werk“ gilt (Schöpfung, Autor, Intention etc.) ist ebenfalls Teil der Rezeption.
Niemand ist in der Position zu behauptet etwas wäre allgemeingültig Kunst oder keine Kunst. Wer das tut, sagt allerhöchstens: „In mir löst es nichts aus“ oder sogar nur „Mir gefällt es nicht“ und das ist ok! Doch Kunstrezeption ist weder rationale Definition noch eine demokratische Entscheidung. Der Streit darum wird den vielfältigen Inhalten und all den unterschiedlichen Kunstströmungen meiner Meinung nach nicht gerecht.
Meine Musik will kein Argument für KI in der Kunst sein.
Es ist einfach nur ein Werk, das aus mir fließen wollte.
6. Ich werde die Diskussion nicht führen
Ich werde die Diskussion nicht führen.
Ich werde nicht auf Kritik in Bezug auf Nutzung von KI eingehen.
Ich führe aber gerne Diskussionen auf inhaltlicher Ebene, die sich auf das Werk und dessen Welt beziehen.
Dieser Text ist lediglich ein Bezugspunkt.
Für mich und für alle, die ihn lesen möchten.
Meine Musik darf gehört werden oder nicht. Beides ist in Ordnung. Über das Eine freue ich mich natürlich mehr als über das Andere.
Und am allermeisten freue ich mich, wenn sie in jemandem etwas auslösen kann, egal was und egal warum.
