Die Quelle der ewigen Jugend 8


LucasCranach-DerJungbrunnen

Lucas Cranach – Der Jungbrunnen (Bildquelle: Wikipedia)

So gib mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war,
Da sich ein Quell gedrängter Lieder
Ununterbrochen neu gebar . . .
Ich hatte nichts und doch genug:
Den Drang nach Wahrheit
und die Lust am Trug.
Gib ungebändigt jene Triebe,
Das tiefe, schmerzensvolle Glück,
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
Gib meine Jugend mir zurück!

(Goethe: Faust: Eine Tragödie – Kapitel 2)

Das Konzept der Unsterblichkeit oder zumindest der Wiedererlangung der einstigen Jugend, manifestiert als sagenumwobene Quelle, ist unter verschiedenen Namen bekannt: Jungbrunnen, Quelle der ewigen Jugend, Quelle der Unsterblichkeit.
Ihr Auftreten ist in der Kunst und Literatur, sowie in der Popkultur weit verbreitet und jedermann bekannt. Ob Gemälde („Der Jungbrunnen“ von „Lucas Cranach dem Älteren„), Gedichte („Der Jungbrunnen“ von Hans Sachs), Filme („The Fountain„), Fernsehserien (Orson Wells „The Fountain of Youth“) oder Computerspiele („Indiana Jones and the Fountain of Youth„) – es finden sich unzählige Beispiele ihres Auftretens.

Viele fiktionale Geschichten zeichnen damit die unterschiedlichsten Bilder eines Jungbrunnens und erfinden Erscheinungsformen, die sich von Tränken über Quellen bis hin zu bestimmte Orte einnehmende Zauber erstreckt und verlagern ihr Vorkommen in die verschiedensten Regionen der Welt:

Im tiefsten Himalaya, umstellt von unbezwingbaren Bergen, befindet sich ein Tal mit mildem Klima, reiner Luft und klarstem Quellwasser. Die Bewohner, geleitet von Mönchen und Nonnen, leben in Frieden und erreichen ein Alter von 250 Jahren. Doch es ist nicht das Klima, das jung hält, sondern ein Zauber, der über dem Ort weilt. Denn wer die Grenze überschreitet, altert binnen Stunden und verwelkt zur Mumie. Somit ist Shangri-La ein Ort, an dem die biologische Uhr äußerst langsam tickt – und gleichzeitig ein goldener Käfig der Jugend.

(Quelle)

Diese Fantasy-Geschichte von James Hilton („Lost Horizon„) stammt bereits aus dem Jahr 1933, greift allerdings auch nur eine vorherige Idee aus Henry Rider Haggards „Herrscherin der Wüste“ von 1887 auf: Die an einen Ort (Hier: Die „Oase ewiger Jugend“ in der Wüste Ägyptens) und nicht an ein Wasser gebundene Jugend. Beim Überqueren der Grenze des Zaubers setzt das Altern sprungartig ein:

Sie, vor zwei Minuten noch das schönste, edelste, herrlichste Weib, das je die Welt gesehen, sie lag regungslos vor uns, neben sich die Lockenpracht ihres eigenen dunklen Haares, nicht größer als ein Affe und hässlich – ach, so hässlich, dass es sich nicht schildern lässt!

(Henry Rider Haggard „Herrscherin der Wüste“ (1887))

Die meisten der bekannten Geschichten beziehen sich jedoch auf eine tatsächlich existierende Quelle und referenzieren auf die Legende des Jungbrunnens, den der spanische Konquistador Juan Ponce De León nach seiner Entdeckung von Florida suchte.
Er folgte 1513 einem Gerücht der Taino-Indianer, die Quelle der ewigen Jugend auf der Bahamas-Inselgruppe Bimini finden zu können (Quelle).
Auch wenn nicht geklärt sei, ob er selbst von der Existenz eines Jungbrunnens überzeugt war, da von Juan Ponce de León selbst keine Schriften, wie etwa Tagebücher oder Logbücher überliefert seien (Quelle), verhalf er der Legende damit zu neuem Leben.
Doch auch Juan Ponce de León folgte nur bereits bestehenden, alten Geschichten. Herodot beispielsweise, der den Jungbrunnen in Äthiopien vermutete (Quelle) und als „Wasser des Lebens“ folgendermaßen beschrieb:

Und das Wasser dieser Quelle, sagten die Kundschafter, ist so schwach, daß nichts in derselbigen oben schwimmt, weder Holz, noch was leichter ist, denn Holz, sondern alles geht gleich unter. Wenn das Wasser wirklich so beschaffen ist, wie erzählet wird, so mag desselben täglicher Gebrauch wohl der Grund sein, warum sie so lange leben.

(Quelle: Die Geschichten des Herodot, Band 1).

Ihm folgten Erwähnungen der Quelle in den gesammelten Biographien Alexanders des Großen, Alexanderroman genannt. In der Überlieferung von Firdausi im „Buch der Könige“ heißt es beispielsweise:

Alexander sucht das Wasser des Lebens, um Allah auf Erden ohne Ende anbeten zu können, so wie die Engel im Himmel dies tun. Beim Eindringen in das Land der Finsternis […] führt ihn der Nothelfer Chider […] mit Hilfe von zwei leuchtenden Karfunkelsteinen. Dieser findet die Quelle, badet darin und wird unsterblich.

(Alexander Demant, Alexander der Große – Leben und Legende, S. 284)

Doch auch hier sind wir noch nicht bei den ältesten, bekannten Erzählungen einer solchen Quelle: Die Veden, die gesammelte Mythologie der Hindus, deren erste mündliche Überlieferung bereits 1200-1000 v.Chr. begann (Quelle), erzählt bereits davon:

In der jahrtausendealten Legende vom „Teich der Jugend“ lebt die blühende Königstochter Sukanya mit dem vertrockneten Gelehrten Cyravana zusammen. Da begegnen ihnen zwei Halbgötter in ewiger Jugend und verführen Sukanya: »O Sukanya, schöne Maid! Wie kannst du bei diesem Alten von gespenstischer Gestalt liegen? Komm zu uns beiden!» Sukanya aber widersteht und bleibt ihrem Alten treu. Derart gerührt, gewähren die Götter einen Wunsch. Cyravana will so jung sein wie seine Frau. Da führen die Halbgötter den Greis zum Teich der Jugend, dem er göttlich schön und jung entsteigt.

(Quelle)

Aufgegriffen von Künstlern und Geschichtenerzählern über die Jahrhunderte, blieb die Idee der Unsterblichkeit wohl deswegen immer am Leben, weil es sich um einen der großen Menschheitsträume handelt. Nicht nur aus dem positiven Aspekt heraus ewig zu leben, sondern womöglich auch deswegen, weil die Vergänglichkeit und der Tod zentrale Ängste der Menschen ausmachen. Verstärkend kommt wohl hinzu, dass Beobachtungen der Natur die Sehnsucht der Menschen nach Unsterblichkeit wecken: Schlangen und andere Reptilien beispielsweise häuten sich und symbolisieren damit die Möglichkeit selbst einen Neubeginn zu schaffen und die Vergangenheit abzustreifen (Siehe Artikel über die Schlange als Archetypus im Schamanismus). Bestimmte Quallen können nach neuesten Erkenntnissen sogar willentlich in den Zustand der Jugend zurückkehren und diesen Mechanismus unedlich oft für sich nutzen:

Der Lebenszyklus der Qualle Turritopsis dohrnii zeigt eine im Tierreich einzigartige Fähigkeit: Nach Erreichen der sexuellen Reife kann der Organismus, durch Nutzung des Transdifferenzierung genannten Zellwandlungsprozesses, wieder in das Stadium der Kindheit zurückversetzt werden. Dieser Zyklus lässt sich anscheinend unbegrenzt wiederholen.

(Quelle: Scott F. Gilbert: Cheating Death: The Immortal Life Cycle of Turritopsis).

Dies erklärt wahrscheinlich auch den festen Platz der Thematik in der klassischen Alchimie: neben dem Stein der Weisen, der alles, was man mit ihm berührte, in Gold verwandeln sollte (heruntergebrochen!), ist das sogenannte „Lebenselixir“ oder „Elixir des Lebens“ eines der meistbekannten Artefakte, die die Alchimisten anstrebten herzustellen:

Der Wunsch nach Jugend und Unsterblichkeit beschäftigte auch die Alchemisten. Sie suchten jedoch nicht nach dem Jungbrunnen, sondern versuchten ein Lebenselixir zu brauen, das ihnen ewiges Leben schenkte. Einige Alchemisten sollen dies tatsächlich geschafft haben, wie zum Beispiel Nicolas Flamel oder der Graf von Saint-Germain.

(Quelle)

Manche Quellen halten das Elixir des Lebens auch für den zweiten Schritt der Alchimisten und die Herstellung benötigte ebenfalls den Stein der Weisen:

Das Lebenselixier wurde von den Alchemisten aus dem Stein der Weisen hergestellt und als eine Art von Universalmedizin angesehen und zugleich auch als universelles Lösungsmittel […] betrachtet, das alle festen Stoffe, einschließlich Gold, aufzulösen vermochte.

(Quelle)

Diese Ansicht ergibt Sinn, wenn man die Philosophie der Alchimie versteht: Es ging ihr nie konkret um Gold als wertvolles Metall, sondern um die „Essenz des Seins“, die sich in jedem Stoff verbirgt. Bei Interesse dieser Ansicht empfehle ich den Klassiker „Der Alchimist“ von Paulo Coelho. Hier wird diese Essenz als „Weltenseele“ bezeichnet und der Protagonist macht als Alchimisten-Lehrling folgende Erfahrung:

Und der Jüngling tauchte in die Weltenseele ein und erkannte, dass diese ein Teil der göttlichen Seele und die göttliche Seele seine eigene Seele war.

(Paulo Coelho – Der Alchimist)

Kommen wir zurück zur Quelle der ewigen Jugend:
Interessanterweise findet sich für Bimini tatsächlich die Beschreibung eines Tümpels, der die Geschichte der Taino-Indianer bestätigen könnte und der „Das heilende Loch“ genannt wird:

Im Salzwasser des Mangrovenwaldes, der vier Meilen von Nord-Bimini bedeckt, befindet sich das heilende Loch, ein Tümpel, der am Ende eines Tunnelnetzes liegt. Während der Ebbe wird aus diesem Tunnelsystem kaltes und mineralreiches Süßwasser in den Teich gedrückt. Natürliches Lithium und Schwefel sind zwei der Elemente, die in diesem Wasser enthalten sein sollen. Das Wasser soll eine heilende Wirkung besitzen, und Besucher sprechen von einer geistigen und körperlichen Verjüngung nach ihrem Besuch.

(Quelle)

Das klingt vielversprechend. Tatsächlich aber handelt es sich dabei nicht um die Stelle, die für Touristen als der sagenumwobene Jungbrunnen präsentiert wird:

Eine Wasserstelle, die der Sage nach der Brunnen sein soll, kann in der Nähe des Flughafens von Süd-Bimini besichtigt werden. Die Einheimischen sind äußerst stolz darauf und viele behaupten, die medizinische Wirkung des Wassers hätte ihnen neue Lebenskraft verliehen.

(Quelle)

Das „Heilende Loch“ befindet sich zusätzlich an einer anderen Stelle. Ein dritter, mytischer Ort auf Bimini soll das sogenannte „Memory Ledge“ sein, ein magischer Ort, an dem man Flashbacks des bisherigen Lebens und sogar früherer Leben erhalten soll:

Memory Ledge is also located on the island. Local belief states that anyone who lies along the ledge experiences flashbacks through his or her entire life and sometimes even past lives.

(Quelle)

Dass Bimini auch für die mysteriöse „Bimini Road“ oder auch „Bimini Wall“ bekannt ist, bei der es sich um eine ca. 800 Meter lange Formation aus großen, annähernd rechteckigen Kalksteinblöcken handelt, deren Ursprung nicht abschließend geklärt werden konnte, hat zwar mit einem Jungbrunnen auf den ersten Blick nichts zu tun, erhöht jedoch die allgemeine Mysterösität der Insel:

Während die meisten Wissenschaftler die Bimini Road für eine natürlich entstandene, geologische Struktur halten, vertritt eine Minderheit die Annahme, sie sei vor Jahrtausenden, als der Meeresspiegel noch niedriger lag, von Menschen erbaut worden.

(Quelle)

Als Erbauer soll dabei einigen Quellen zufolge das untergegange Volk von Atlantis verantwortlich sein.
Allein über das Thema Atlantis und vermeintliche atlantische Bauwerke kann man natürlich Bücher füllen, deswegen soll das hier auch nicht weiter thematisiert werden. Einzig die Beschreibung einer Quelle der ewige Jugend in einem atlantischen Kontext wäre interessant:

Doch vor kurzem, nach Hunderten von Jahren, fanden Forscher einen geheimen Code in diesem Buch, der nicht nur die genaue Position von Atlantis beschreiben soll, sondern auch einen verborgenen und geheimen Schatz – die ewige Jugend.

(Quelle)

Schön wäre es, hier eine Verbindung finden zu können, doch leider handelt es sich hierbei lediglich um die fiktionale Geschichte eines Showtanzes der Grafschaftler Prinzengarde in Rietberg.
Tatsächlich findet sich weder in der ursprünglichen Beschreibung von Atlantis durch Platon noch auf der einer Szene-Seite, die sich ausschließlich mit Atlantis-Forschung beschäftigt, ein Hinweis auf eine derartige Verknüpfung.

Nichtsdestotrotz klingt die Beschreibung des „Heilenden Lochs“ auf Bimini am greifbarsten, könnte aber auch Ernüchterung in den Wirrungen des Themenkomplexes bringen:

Und damit dürften wir beim wahren Kern der Legende angelangt sein: Jungbrunnen sind Mineralquellen, die neben der medizinischen Wirkung auch neue Lebenskraft suggerieren. Welcher Kranke hat nach einer Kur nicht das Gefühl, verjüngt durchs Leben zu hupfen? Dass die Zuhörer an den Lagerfeuern solche Erzählungen für bare Münze nahmen, konnte den Siedlern an der Heilquelle nur recht und billig sein.

(Quelle)

Leider finden sich in den Weiten des Netzes keinerlei echte Erfahrungsberichte. Lediglich Beschreibungen der Insel als Urlaubsort, meist von Reisebüros oder Bewertungsportalen für Urlaubsziele, erwähnen das „Heilende Loch“ als Jungbrunnen:

Im Norden der Insel Nord-Bimini steht ein Mangrovenwald mit dem „Heilenden Loch“. Das ist ein Quellteich mit Mineralwasser, das heilsam für allerlei körperliche und geistige Defekte sein soll. Manche Leute kommen allein deswegen nach Bimini.

(Quelle)

Schade, dass von diesen Leuten niemand tatsächlich etwas zu berichten weiß. Wir werden also abwarten müssen, bis ich selbst dort war und der Morphoblog mein Erlebnis im heilenden Loch zu tauchen widergibt.

Wer sich gefragt hat, welchen Sinn dieser kleine Überblick zur Quelle der ewigen Jugend hat:

  • Erstens kenne ich die Geschichten zu Bimini und dem heilenden Loch schon länger und habe schon länger die Idee dort einmal hinzuschauen.
  • Zweitens entstand dieser Artikel nun letztlich aus einer Einleitung zu einem Bericht über die Quelle der Weisheit (Sophienquelle in Franzensbad), die ich zusammen mit einem Freund vor einigen Tagen (Februar 2016) aufgesucht habe. Da wir bereits vor vier Jahren (Januar 2012) schon einmal zusammen dort waren und die ganze Geschichte auch einen Morphoaspekt hat, wollte diese erzählt werden – beim Recherchieren für die Einleitung entstand jedoch so viel Text, dass es nun zwei Artikel geben wird.

Was meint ihr zu den Geschichten über die Quelle der ewigen Jugend? Kennt ihr noch andere? Gibt es welche, die euch besonders gefallen? Oder habt ihr womöglich sogar mal in einer gebadet und seid als Kleinkind wieder rausgekommen? ;)


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