Das Portal 2


Schweißgebadet schreckte ich auf. Mein Herz raste und verteilte das Adrenalin in Sekundenschnelle in meinem Kreislauf.
Von der dem Bett gegenüberliegenden Wand auf der anderen Seite des Raumes leuchtete ein diffuser Lichtschein, ein Kegel aus Licht, der in den Raum strahlte. Hatte sich der Deckenfluter, der dort stand, versehentlich angeschaltet?

Ich blinzelte aus der Dunkelheit heraus in den Lichtschein. Er kam nicht von einer Lampe, er kam direkt aus der Wand. Ich sah genauer hin und mein Herzschlag beschleunigte sich noch einmal: die Wand flirrte und hinter der flackernden, weißen, beinahe schon transparenten Fläche tat sich eine merkwürdige, bedrohliche Dunkelheit auf. Aus dem dunklen Schlund trat der Lichtschein aus, der sich auf dem Boden bis zu meinem Bett ausbreitete. Er wirkte kalt und gefühllos. Kalt und unwirklich. Kalt und fahl. Ein leichtes Pulsieren ließ die Intensität des Lichts schwanken, unregelmäßig, als würde ein unbekanntes Objekt einen Schatten werfen, sich bewegen, fast so als wäre das Licht selbst lebendig.
Mein Atem und mein Herzschlag hatten sich langsam wieder beruhigt, während ich weiter auf den dunklen Schatten an der Wand starrte. Nur ein paar Sekunden waren vergangen, doch es fühlte sich an wie eine Ewigkeit.

Ich stand auf und ging zur Wand. Das fahle Licht am Boden schwand langsam und als ich meine Hand zaghaft an das dunkle Portal hielt, um begreifen zu können, wo es wohl hinführen könnte, in welche Welt hinter dem Schleier es mir einen Einblick gewähren wollte, mit seiner Schwärze und seinem kalten Licht, da war der Durchgang schon wieder verschlossen. Die Wand war kalt, weiß, dunkel. Nur 30 Zentimeter hinter ihr lag das Treppenhaus, das wusste ich, doch in meinem Kopf war diese Information gerade nicht mehr verfügbar. Ich wusste, dass ich vor einer Tür stand, die sich eben, genau vor meiner Nase, geschlossen hatte. Ich konnte es fühlen, auch wenn meine Augen bereits wieder im Bewusstseinszustand der Realität angekommen waren.

Verwirrt legte ich mich zurück ins Bett, blickte noch einmal auf das Laminat zwischen dem Bett und der Wand – Dunkelheit.
Bevor ich richtig begreifen konnte, was mir hier gerade gezeigt worden war, schlief ich wieder ein und träumte von einem Höhlensystem. Die Räume waren filigran aus dem Stein gehauen und es gab unendlich viele. Es war wie ein Dungeon, ein Kerkergewölbe aus einer klassischen Fantasywelt, und ich wusste plötzlich, dass ich hier etwas zu finden hatte, ich wusste nur noch nicht was. Eine Stimme erklärte mir, dass ich zurück müsse. Zurück an den Anfang. Zurück in der Zeit. Dass jede Änderung neue Räume entstehen lassen würde, alte Kerker verschwinden lassen würde, Mauern einreißen und errichten würde und sich das ganze System immer wieder neu aufbauen würde. Ein zufallsbestimmtes, generatives Kerkersystem, wie in einem Computerspiel. Das morphogenetische Labyrinth.

Wieder schreckte ich auf. Diesmal rannte ich sofort zur Wand. Ein kalter Hauch, in fahles Licht getaucht, kam aus der Schwärze des Portals. Mich fröstelte. Und ich fühlte mich bedroht. Es war, als lebte dort etwas, was seine Tür öffnete, wenn ich schlief. Um mich zu beobachten, aus tausenden von Augen. Um mich zu verschlingen und mich gleichermaßen um Hilfe zu bitten. Um mich dazu zu benutzen, die Zeit zu verändern, Licht aus der Dunkelheit zu schöpfen.
Ich blickte zu Boden und bemerkte, dass ich direkt in dem aus der Dunkelheit kriechenden Lichtschein stand.
Ich strich über das Portal, als es sich erneut verschloss und ich wusste, dass mein Bewusstseinszustand der Schlüssel zum Portal war. Der Schlaf, der Traum, das woraus wir uns alle entwickelt hatten, vor vielen Äonen.

Wir träumen das Wachsein ohne zu verstehen, dass wir im Traum wahrhaftig wach sind.

Ich verstand, dass ich zurückkehren musste, wieder, immer wieder, in den Kerker, in die Vergangenheit, bis jeder Winkel des Labyrinths erkundet wäre, bis ich ihm, dem Wesen, der Dunkelheit hinter der Mauer, endlich die wohlverdiente und langersehnte Erlösung bringen können würde.

Vielleicht schon diese Nacht, vielleicht erst nach meinem Tod.


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