Anzeige wegen Lost-Place-Erkundung 2


Es ist soweit. Ich habe meine Urbex-Initiation erhalten. Nicht dass ich das in der Szene schon ein mal gehört hätte, aber wie könnte man das sonst bezeichnen, wollte man es als Ehre begreifen? Ein echter Urban Explorer wird früher oder später wegen Hausfriedensbruch angezeigt, denke ich, zumindest wenn er Pech hat. Oder eben wenn er Glück hat. Dann ist er echt. Nicht mehr nur ein kleiner, barfüßiger Junge am Herumtapsen zwischen alten Ruinen, sondern ein Entdecker, ein Aufdecker alter Wahrheiten und Geschichten, die finstere Mächte gern unter der Oberfläche halten wollen – mit allen Mitteln.
So zumindest stelle ich mir das gerne vor ;) Natürlich ist das Unsinn, ganz besonders, wenn man bedenkt wie wenig ich tatsächlich unterwegs bin.

Aber von vorne, was ist passiert?

Im Mai 2016, während meines Monats Fastenauszeit in Holzhau, machte ich einen Ausflug ins nahegelegene Altenberg und besuchte dort mein allererstes altes Sanatorium, das alte Raupennest, und schrieb hier darüber und veröffentlichte eine Fotogalerie dazu.

Im Februar diesen Jahres erreichte mich dann ein Schreiben der Polizei Dresden, die für diesen Bereich zuständig scheint, mit folgendem Wortlaut:

Sie stehen im Verdacht, im Mai 2016,(sic!) einen Hausfriedensbruch begangen zu haben. Sie betraten widerrechtlich das sichtbar abgesperrtes (sic!) und umzäunte Gelände des Sanatorium (sic!) „Altes Raupennest“ in Altenberg und fertigten hier Fotos.

Dass in einem offiziellen Schreiben der Polizei in zwei Sätzen drei Fehler zu finden sind, schmerzt mich als Linguisten zwar sehr, doch möchte ich darauf nicht weiter eingehen.

Jemand (nicht der Grundstückseigentümer) musste aufgrund meines Blogeintrags diese Anzeige aufgegeben haben, denn ich traf dort niemanden und alle Angaben des Vorhalts, wie z.B. das Datum des Ausflugs, sind genauso schwammig wie in meinem Eintrag.
Natürlich bekam ich erst mal einen Schreck und die Recherche im Internet, welche Strafe bei Hausfriedensbruch drohen könnte, machte das nicht besser.
Ich versuchte herauszufinden, ob es Gleichgesinnte gab, die bei der Erkundung desselben Objektes Probleme bekommen hatten, doch ich schien der einzige zu sein.
Allgemein empfahl das Internet, respektive die Urbex-Szene, in solchen Fällen auf gar keinen Fall eine Aussage zu machen, sondern einfach nur das mitgeschickte Formblatt auszufüllen und abzuwarten.
Ich war damit jedoch nicht zufrieden. Ich fühlte mich zu hart behandelt und es entsprach auch nicht meiner Einstellung der Welt gegenüber. Wenn diese aus irgendeinem Grund der Meinung war, dass ich für diesen Tag, der wirklich ein besonderes Erlebnis war, noch einen Ausgleich zu zahlen hatte, dann würde ich das gerne tun.
Also schrieb ich eine längere Ausführung. Ich relativierte den Vorwurf, denn ich hatte nirgends eine Absperrung umgangen oder ein Verbotsschild direkt ignoriert, und ich hatte mich an den Urbex-Codex gehalten: Nichts angefasst, nichts manipuliert, nichts mitgenommen außer Fotos, nichts hinterlassen außer Fußspuren. Ich hatte eine Ruine fotografiert, hauptsächlich von außen, und niemanden gestört, jeder müsse einsehen, dass es sich bei der Anzeige nur um irgendeinen Export eines missgünstigen Gefühls handeln könne.
Ich erklärte, dass ich ein Fass aufmachen könne, sagen könne, dass der Blogeintrag nur Prosa war, die Fotos nicht meine wären – ich war weder angetroffen noch fotografiert worden, man wusste ja nicht mal wann genau ich überhaupt dort gewesen war. Aber dass ich mich dagegen entscheiden müsse, ich meine Erkundung eingestehen müsse, denn ich würde ihr sonst ihren Wert für mich aberkennen.

Hätte ich das in einem Urbex-Forum geschrieben, hätten alle die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Aber nicht nur dort. Das erste, was so gut wie jeder sagte, dem ich davon erzählte, war: „Du kannst es doch einfach leugnen, sie können es doch gar nicht beweisen!“ Ich kann darüber nur den Kopf schütteln.
Vermutlich ist das für den Leser auch schwer zu verstehen, doch ich frage mich: warum können wir nicht einfach zu dem stehen, was wir tun, wenn es uns etwas bedeutet und wir es aus Überzeugung tun? Wir werten die Dinge ab, indem wir immer zuerst direkt versuchen, uns aus allem herauszulavieren, indem wir lügen und nicht zu uns und unseren Taten stehen, ein reflexartiges „Ich war’s nicht!“ in die Welt rufen, wenn uns die Vase runterfällt, soll doch jemand anderes für unsere Taten gradestehen, die Welt ist schließlich ungerecht genug.

Ich habe vor, dieses Thema in einem Vlog noch ein mal genauer zu besprechen, denn dazu gäbe es noch einiges zu sagen. Auch was ich meinem Leser zu sagen habe, der mich angezeigt hat, möchte ich hier nur ganz kurz anschneiden: Die Aktion war wirklich arm und ich hoffe, die Entscheidung dafür mich anzuzeigen, hat dir Heilung gebracht (ich bezweifle es jedoch).

Vor ein paar Tagen nun kam die Antwort der Staatsanwaltschaft auf meine umfangreichen Ausführungen. Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt und „der Anzeige wird mangels öffentlichen Interesses keine Folge gegeben“. Ich wurde für meine Ehrlichkeit belohnt und ich werde dieser Einstellung immer, so weit es mir möglich ist, treu bleiben. Jede Strafe wäre mir lieber, als ein solch neidvoller, missgünstiger Mensch zu sein, der jemand fremdes wegen einer solchen Lappalie anzuschwärzen versucht. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich so nicht bin :)
Aber ich bin auch nicht böse. Vielleicht möchtest du dich ja melden und mir verraten, welches Gefühl dich da getrieben hat.

Auf jeden Fall: Ende gut, alles gut, das nächste Let’s Urbex kommt eines Tages bestimmt :)


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In jenem Beitrag habe ich ja einführend
Mit diesem Artikel möchte ich

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2 Kommentare auf "Anzeige wegen Lost-Place-Erkundung"

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